Wunderberichte – Ausdruck vorhandenen Glaubens
14. Januar 1973
2. Sonntag nach Epiphanias
Johannes 2,1-11
Der heutige Predigttext ist die Wundergeschichte über die Hochzeit in Kana. Jesus ist – zusammen mit seinen Jüngern und seiner Mutter – Gast auf einer Hochzeit. Der Wein geht aus. Die Mutter sagt zu Jesus: „Sie haben keinen Wein mehr.“ Jesus antwortet: „Frau, was habe ich mit dir zu schaffen? Noch ist meine Stunde nicht gekommen.“ Dann lässt Jesus Krüge mit Wasser füllen. Als der Festordner ahnungslos den Inhalt der Krüge an die Gäste ausschenkt, stellt sich heraus, dass sich das Wasser in Wein verwandelt hat.
Dieses Verwandlungswunder findet im Text keine Erklärung. Es vollzieht sich gewissermaßen unter der Hand und von den meisten Teilnehmern der Hochzeit unbemerkt. Johannes – seinem Evangelium ist die Wundergeschichte entnommen – schließt die Erzählung mit den Worten: „Dies tat Jesus als Anfang seiner Zeichen in Kana in Galiläa und offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.“
In dieser Geschichte stecken allerlei Schwierigkeiten. Manches ist schwer zu verstehen, manches erscheint widersprüchlich. Auf all die Probleme soll hier nicht eingegangen werden. Wir wollen uns nur mit einem Thema beschäftigen, zu dem der Text freilich geradezu herausfordert. Man könnte es nennen: „Glaube und Zeichen“.
Das Wunder – die Verwandlung von Wasser in Wein – bezeichnet Johannes als das erste Zeichen, das Jesus gab, um seine Herrlichkeit zu offenbaren. Wir müssen Folgendes bedenken: Jesus war äußerlich ein Mensch wie alle anderen. Um ihn als Sohn Gottes zu erkennen, bedurfte es besonderer Hinweise. Als entscheidender Hinweis gilt wohl allgemein die Auferstehung Jesu. Es gibt heute noch etliche Theologen – es dürfte wohl deutlich die Mehrzahl sein –, die meinen, dass an der Auferstehung alles hänge. Wenn es sie nicht gegeben hätte, dann gäbe es jetzt keinen durchschlagenden Hinweis auf die Gottessohnschaft Jesu. Diese Theologen sagen deshalb auch, dass mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu der christliche Glaube überhaupt stehe und falle.
Nun mischt Johannes – wie es auch die anderen Evangelisten tun – in die Darstellung des Lebens Jesu Ereignisse, die er als Zeichen für die Göttlichkeit Jesu wertet, Zeichen, die letztlich erst im Lichte von Tod und Auferstehung Jesu voll verständlich werden sollen.
Mit wundersamen Zeichen ist das so eine Sache. Sie können doch auf zweierlei Weise ausgelegt werden. Und da kommt dann der Glaube ins Spiel. Wenn jemand Wunder vollbracht hat – Wundererzählungen gibt es ja nicht nur in der Bibel, sondern überall da, wo der Aberglaube stark genug ist – das Wort fällt uns zwangsläufig auch ein, wenn wir die biblischen Wundergeschichten hören –, wenn jemand also Wunder vollbrachte, so konnte er sich gar nicht so sicher sein, als Heiliger verehrt zu werden. Die genau entgegengesetzte Reaktion musste er mit in Betracht ziehen, nämlich als vom Teufel Besessener verfolgt zu werden. Ob eine Frau als Heilige anerkannt oder zur Hexe abgestempelt wurde, das mochte von den für wundersam gehaltenen Taten der Betreffenden her gar nicht sicher zu beurteilen gewesen sein.
Die Beurteilung hing wohl weitgehend von einer vorgefassten Haltung dieser Person gegenüber ab. Das müssen wir auch in Bezug auf Jesus im Blick haben. Wenn Johannes das Wunder in Kana als Zeichen der Göttlichkeit Jesu wertete, so kommt darin eine vorgefasste Haltung Jesus gegenüber zum Ausdruck. Diese vorgefasste Haltung ist nicht nur von Tod und Auferstehung Jesu her zu erklären. Denn auch die Wertung dieser Er- eignisse ist wohl Ausdruck vorgegebener Anschauungen. Die Auferstehung ist ja kein Beweis der Göttlichkeit Jesu, wenn sie auch von manchen Theologen unausgesprochen als solcher verstanden sein mag.
Der Wertung des Verwandlungswunders als Zeichen der Herrlichkeit Jesu geht eine positive Haltung Jesu gegenüber voraus. Das können wir aus unserer Erzählung ganz einfach herauslesen. Johannes bezeichnet das Wunder als das erste Zeichen für die Herrlichkeit Jesu. Und dennoch hatte Jesus schon vor diesem ersten Zeichen Jünger, d. h. Anhänger, die in Jesus den Messias sahen. Auch die Mutter Jesu glaubte offenbar schon zuvor an seine Messianität. Denn sie scheint Jesus von vornherein die Beschaffung des Weines zuzutrauen.
Nach dem Evangelium des Johannes ist es in der Tat so, dass es Menschen gab, die an Jesus glaubten, noch bevor er selbst sich durch Zeichen offenbart hatte. Dieser Glaube ist nach diesem Evangelium schlichtweg dadurch hervorgerufen worden, dass Johannes Jesus als den erwarteten Messias verkündete. Für die Jünger Jesu war also das erste Zeichen nicht der Grund und Beginn, an Jesus zu glauben. Dieses erste Zeichen kann bestenfalls als Bestärkung für einen bereits bestehenden Glauben ver- standen werden. Und man wird ergänzend wohl sagen dürfen: Es war nur für diejenigen ein Zeichen für die Messianität Jesu, die schon vorher an ihn glaubten. Es war dagegen unverständlich – und deshalb auch kein eigentliches Zeichen – für diejenigen, die noch keinerlei Beziehung zu Jesus gehabt hatten.
Diese Gedanken sind nun von einiger Bedeutung für uns, d. h. für unseren Glauben an Jesus Christus. Glauben wir an Jesus Christus aufgrund der Zeichen, die er gesetzt hat, oder gibt es für uns auch so etwas wie einen Glauben, der den Zeichen vorausgeht und der in den Zeichen lediglich eine Bestätigung, eine Verstärkung sucht?
Als erstes können wir wohl Folgendes sagen: Wenn wir heute jemandem, der zu Kirche und christlichem Glauben keine Beziehung hat, vom Verwandlungswunder in Kana erzählen und von der Auferstehung und anderen Wundern, die uns die Evangelien von Jesus berichten, so werden wir damit den Betreffenden wohl kaum zum christlichen Glauben führen können. Denn diese Ereignisse, die bei Johannes Zeichen sind, haben für uns keinen echten Offenbarungseffekt. Sie bewirken in uns keine Erkenntnis, keinen Glauben. Das hängt zum einen sicherlich damit zusammen, dass wir solche wundersamen Geschichten als Produkte des Aberglaubens abzulehnen geneigt sind. Zum anderen hat aber ein Wunder – selbst wenn es als solches anerkannt würde – kaum eine solche Aussagekraft für uns, dass es unser Leben in bedeutsamer Weise beeinflussen könnte. Es hätte eher den Charakter des Sensationellen, Skurrilen, Exotischen, Absonderlichen und würde als solches schnell an Wirkung verlieren.
Wir dürfen deshalb wohl dies sagen: Wir können die zeichenhaften Ereignisse erst dann überhaupt ernst nehmen, wenn wir schon in anderer Weise Zugang zu Jesus gefunden haben. Dieser Zugang kann sich für uns – und konnte sich auch für die Menschen damals – nur aus ihrer konkreten Lebenswirklichkeit ergeben. Die Menschen damals erwarteten einen Messias – die einen in der Hoffnung, aus dem politischen Elend, die anderen in der Hoffnung, aus ihrem menschlichen Elend befreit zu wer- den. Ihre Hoffnungen ergriffen Jesus und machten sich ihn zu ihrem Erfüller.
Die Darstellungen des Lebens Jesu, wie sie uns in den Evangelien in teils ähnlicher, teils unterschiedlicher Weise überliefert sind, bringen zum Ausdruck, welche Erwartungen sie in Jesus erfüllt sahen. Die Darstellung wundersamer Ereignisse im Leben Jesu hat die Aufgabe, den Glauben daran, dass Jesus derjenige war, der ihre Erwartungen erfüllte, zu unterstützen und zu stärken.
Welche Erwartungen haben wir heute, die uns dazu bewegen könnten und bewegen, in Jesus den Erfüller zu erkennen und ihn als solchen auf immer zu verehren und das Gedächtnis an ihn lebendig zu erhalten?
Kurz gesagt, ein wesentlicher Inhalt unserer Hoffnungen mag der sein, dass sich die Solidarität unter den Menschen, unter allen Menschen mehren möge. Die Hoffnung also auf mehr Mitmenschlichkeit, darauf, dass wir vorbehaltlos füreinander da sein mögen. Jesus wollte diese unbedingte menschliche Solidarität. So jedenfalls sehen wir ihn durch das Zeugnis des Neuen Testamentes. Er durchbrach alle von Menschen aufge- richteten zwischenmenschlichen Schranken und befreite zu einer neuen Art der Menschlichkeit. Jesus ist deshalb geeignet, der zentrale Punkt zu sein, an dem die Hoffnungen zusammenlaufen und von dem her sich ihre Erfüllung als Möglichkeit eröffnet.
Wer Jesus in Wirklichkeit war, ist heute nicht mehr mit Sicherheit zu rekonstruieren. Das Neue Testament berichtet allerlei. Vieles ist recht widersprüchlich. Doch von der Kenntnis des echten Jesus kann unser Glaube nicht abhängen. Davon hat er in der Tat im Laufe der Geschichte nie abgehangen. Wichtig scheint mir vielmehr zu sein, dass wir uns zu Jesus Christus so bekennen, wie er sich uns durch die Zeugnisse des Neuen Testaments darstellt. Unser Jesusbild wird notgedrungen immer subjektiv bleiben. Aber indem wir uns gemeinsam zu ihm bekennen, verwirklichen wir ein Stück der Solidarität, die wir in Christus begonnen sehen.
Wenn wir nun gewissenmaßen von unten her den Zugang zu Jesus, den Glauben an Jesus gefunden haben, können wir mit Gelassenheit auf das blicken, was Johannes das erste Zeichen der Herrlichkeit Jesu nennt, und auf all die anderen Zeichen. Wir wissen, dass sie nicht Grund des Glaubens, sondern Ausdruck des Glaubens sind, und zwar Ausdruck in den jeweils zeitgemäßen Formen. In diesem Sinne ist die Geschichte von dem Wunder auf der Hochzeit zu Kana eine ausdrucksvolle Erzählung. Wenn wir sie als solche verstehen, kann sie uns auch jetzt noch dazu dienen, unserem Glauben an Jesus Christus Raum zu schaffen.
(Predigt in St. Markus, Hamburg-Hoheluft am 7. Januar 2001)
