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28.9.-3.10.26


Was ist uns wirklich wichtig?

1. Johannes 5,4b


Dass unser christlicher Glaube der Sieg über die Welt sein soll, das klingt – in unserer Zeit – nicht so recht passend.

Es gehen immer weniger Menschen in die Gottesdienste. Viele Menschen treten aus den Kirchen aus. Kirchen werden in der Folge aus finanziellen Gründen geschlossen, verkauft, umgewidmet, abgerissen, Gemeinden werden zu Großgemeinden zusammengelegt – wie z. B. hier in Cuxhaven.

Der christliche Glaube scheint sich eher auf der Looser-Seite zu befinden. Er scheint zunehmend gering geachtet, ignoriert, von vielen für überflüssig gehalten zu werden.

Schade eigentlich. Das wird sich aber - vielleicht - auch mal wieder ändern.

Ich selbst halte den christlichen Glauben für bedeutsam, für sehr bedeutsam, und ich finde auch, dass die Kirche gesellschaftlich betrachtet wichtig ist und ein Alleinstellungsmerkmal hat.

Es kommt darauf an, was wir unter christlichem Glauben verstehen und worin wir die Rolle der Kirche sehen.

Mein eigenes theologisches Denken geht von der existentiellen Situation des Menschen aus. Von der grundsätzlichen existenziellen Situation des Menschen, die für alle Menschen gleich ist. 

Wir sind alle geboren worden, ohne dass man uns vorher gefragt hat, ob wir geboren werden wollen. Geht ja auch nicht. Wir sind auch nicht gefragt worden wo, in welchem Land, zu welcher Zeit, in welche sozialen Verhältnisse hinein und von wem wir geboren werden wollen. Wir haben uns auch nicht aussuchen können, ob wir Junge oder Mädchen, Mann oder Frau werden wollen, ob wir klein oder groß, intelligent oder weniger intelligent, musikalisch oder sportlich begabt sein wollen. Wir konnten uns auch nicht aussuchen, ob wir kräftig und gesund geboren werden wollen oder mit der einen oder anderen Behinderung usw.

Wir werden alle ungefragt geboren und müssen dann irgendwie klar kommen mit dem Leben, das einerseits sehr schön sein kann, das andererseits aber auch nicht immer schön ist, das manchmal auch gar nicht einfach ist und manchmal sogar ziemlich schrecklich sein kann. Wir müssen dann auch klar kommen mit unseren Mitmenschen, und nicht zuletzt auch mit uns selbst. Auch das kann ja eine ziemliche Herausforderung sein. Das Leben überhaupt ist eine große Herausforderung. Gelegentlich kann es uns wie eine Überforderung erscheinen.

Das hat offenbar – theologisch gesprochen – auch unser Schöpfer so gesehen: dass er uns mit dem Leben in gewisser Weise in einem gewissen Maße überfordert hat. Er ist darum barmherzig mit uns und entlastet uns, allerdings ohne uns von unserer Eigenverantwortung gänzlich zu befreien. So verstehe ich die Botschaft des Kreuzes.

Jeder Mensch muss also im Prozess des Heranwachsens ein Verhältnis entwickeln zu diesem Leben, zu seiner Lebenssituation, zu seinen Mitmenschen, zu sich selbst - und das immer wieder neu im Auf und ab des Lebens. Sind wir bereit anzunehmen, was uns ungefragt gegeben worden ist, geschenkt worden ist, aufgetragen worden ist, auferlegt worden ist? Das ist in der Regel keine bewusste Frage. Normalerweise leben wir wie selbstverständlich vor uns hin. Aber in bestimmten Momenten, in Momenten der Krise insbesondere, können sich uns doch so ganz grundsätzliche Fragen stellen.

Der christliche Glaube ermutigt uns und macht uns stark, ganz bewusst „Ja“ zu sagen – und das ist die Kurzfassung meiner Theologie – Ja zu sagen zum Leben, das zum einen so schön, zum anderen aber eben auch schwierig sein kann, und „Ja“ zu sagen zum Menschen, der einerseits auch gut und andererseits manchmal gar nicht gut sein kann, wie wir selbst ja auch.

Die Kirche ist nun für mein Verständnis die Einrichtung, die uns dabei unterstützen kann, immer wieder, regelmäßig und in vielfältiger Weise dabei unterstützen kann, dieses Ja zum Leben und zum Menschen konkret so zu gestalten, dass daraus ein menschenwürdiges Leben für alle Menschen auf unserem Erdball wird. Das ist ein umfassender Auftrag, ein Auftrag, der alle Aspekte des Lebens erfasst und meines Erachtens von keiner anderen gesellschaftlichen Institution in dieser umfassenden Weise wahrgenommen wird. 

Von der real existierenden Kirche wurde und wird dieser Auftrag nicht immer besonders überzeugend wahrgenommen. Da ist Erklärungs- und Handlungsbedarf. 

Aber die Kirche hat eben diesen wunderbaren Schatz des christlichen Glaubens in sich und hat diesen wunderbaren und großen Auftrag.

Was fangen wir nun mit diesem Missverhältnis an, das besteht zwischen dem Satz hier über uns, der der Spruch der neuen Woche ist: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“, und dem Tatbestand, dass der christliche Glaube einen so schweren Stand in unserer Gesellschaft hat?

Ich möchte darauf antworten mit einem ganz kleinen, schlichten Vergleich aus einer Alltagssituation: 

Wenn ich mich an einem Tag zum Beispiel über Etliches geärgert habe, wenn nichts recht geklappt hat, und auch die Nachrichten aus aller Welt wieder unerfreulich sind – wenn mir dann beim Einkaufen an der Kasse die Dame ein paar freundliche Worte sagt, dann ist der Tag gerettet, dann sind mir diese paar freundlichen Worte wichtiger als alles, was mich an diesem Tag bis dahin genervt hat. 

Diese scheinbare Kleinigkeit kann den großen Ärger besiegen. Die freundlichen Worte an der Kasse und ihre Wirkung, ihre Bedeutung nehme ich mal als Bild für den christlichen Glauben. 

Jesus Christus war auch – eigentlich – eine unscheinbare Gestalt. Aber was er gesagt hat und wie er sich verhalten hat, das haben damals manche Menschen für wichtiger genommen als das, was sie sonst noch erlebt haben. Und von solchen Menschen hat es dann immer mehr gegeben, hunderte, tausende, millionen. Aus ihnen ist eine weltweite Kirche geworden. 

Und zu solchen Menschen zähle ich mich selbst auch. Welche Worte sind mir wichtig und welches Verhalten ist mir wichtig? Welches sind meine - welches sind unsere - Prioritäten? Welche Worte und welches Verhalten sind für uns wichtiger als das viele Unerfreuliche, das uns z. B. aus den Medien aus der weiten Welt täglich entgegenschlägt oder was wir auch im Kleinen und Großen um uns herum erleben? 

Der christliche Glaube im Sinne dieses wunderbaren „Ja zum Leben und zum Menschen - trotz allem“ - dieser christliche Glaube ist und bleibt eine starke Kraft. Er hat in diesem Sinne in vielen Menschen weltweit einen Sieg errungen.

(Morgenandacht in St. Markus, Hamburg-Hoheluft am 26. September 2026)

 © Wolfgang Nein