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11. September 2001


„11. September 2001“

16. September 2001 

14. Sonntag nach Trinitatis

Römer 12,21


Einleitung: Wir ge­den­ken in die­sem Got­tes­dienst der Men­schen, die durch das schreck­li­che Ge­sche­hen am Diens­tag in den USA ihr Le­ben ver­lo­ren ha­ben, wir ge­den­ken der vie­len Ver­letz­ten. Wir ge­den­ken ih­rer An­ge­hö­ri­gen und Freun­de.

Die Er­eig­nis­se am Diens­tag ha­ben uns schockiert, sie ha­ben uns auf­ge­rüt­telt und sie ha­ben uns zum Nach­den­ken ge­bracht. Wir fra­gen uns: Wie konn­te es zu die­sem furcht­ba­ren Ge­sche­hen kom­men? Wir fra­gen uns: Wie wird es wei­ter­ge­hen?

Wir stel­len auch grund­sätz­li­che Fra­gen: Wer ist der Mensch, dass er zu sol­chen Un­ta­ten fä­hig ist? Wir fra­gen nach dem ein­zel­nen Men­schen, und wir fra­gen nach der gro­ßen, welt­wei­ten mensch­li­chen Ge­mein­schaft. Und wir be­sin­nen uns auf die Grund­la­gen un­se­res Zu­sam­men­le­bens.

Wir be­sin­nen uns auf die Lie­be Got­tes zu sei­ner Schöp­fung und zu je­dem sei­ner Ge­schöp­fe. Wir be­sin­nen uns auf den Auf­trag, den wir von ihm emp­fan­gen ha­ben.

Wir neh­men die Er­eig­nis­se vom Diens­tag zum An­lass, in die Ge­schich­te zu blicken und ü­ber un­se­ren gan­zen Erd­ball zu blicken, der für uns heu­te so klein ge­wor­den ist.

Mit Er­schrecken stel­len wir fest, dass die Er­eig­nis­se vom Diens­tag ei­ne neue Form von Ge­walt sind, ei­ne neue Form der Ge­walt, die Men­schen seit Men­schen­ge­den­ken an Men­schen ver­übt ha­ben.

Wir dür­fen und wir wol­len uns mit der Spi­ra­le der Ge­walt nicht ab­fin­den. „Lass dich nicht vom Bö­sen über­win­den, son­dern über­win­de das Bö­se mit dem Gu­ten“, die­sen Auf­trag gibt uns das Neue Te­sta­ment. Das sei un­ser Ziel und un­ser Weg.

Wir seh­nen uns nach Frie­den in al­ler Welt. Wir bit­ten Gott um sei­nen Bei­stand.

Predigt: Als wir auf den Bild­schir­men un­se­rer Fern­se­her zu­hau­se das Flug­zeug auf den Turm des World Tra­de Cen­ters zu­ra­sen sa­hen – was hät­ten wir da­für ge­ge­ben, die dann fol­gen­de Kat­a­stro­phe zu ver­hin­dern!!! Wir konn­ten in dem Au­gen­blick nichts ge­ben. Wir wa­ren ge­lähmt. Wir wa­ren ohn­mäch­tig. Und in der Star­re un­se­rer Ohn­macht muss­ten wir an­se­hen, wie ein zwei­tes Flug­zeug in die Tür­me ra­ste.

Die Flug­zeu­ge, Er­fül­lung ei­nes Mensch­heits­traums, flie­gen zu kön­nen, die Bo­den­schwe­re zu über­win­den und die Frei­heit der Gren­zen­lo­sig­keit zu emp­fin­den – sie wur­den zu In­stru­men­ten der Zer­stö­rung und der tau­send­fa­chen Tö­tung.

Und die hoch­auf­ra­gen­den Tür­me, wun­der­schön an­zu­se­hen im Glanz der Son­ne, der Stolz mensch­li­cher Bau­kunst und Sym­bol welt­wei­ter Wirt­schafts­macht – sie san­ken zu Bo­den und wur­den zum Trüm­mer­grab von Men­schen vie­ler Na­tio­nen.

Es wa­ren Men­schen in den Flug­zeu­gen, es wa­ren Men­schen in den Tür­men. Wir selbst hät­ten es sein kön­nen, pri­vat oder ge­schäft­lich, die schö­ne Aus­sicht aus dem Flug­zeug ge­nie­ßend oder die wun­der­ba­re Aus­sicht von den Tür­men ganz oben. Wir selbst hät­ten es sein kön­nen oder un­se­re Lie­ben, An­ge­hö­ri­ge, Freun­de. Als wir vor dem Fern­se­her zu­hau­se sa­ßen, da sa­hen wir uns im Flug­zeug und wir sa­hen uns in ei­nem der Tür­me – und es war, als sa­hen wir die Kat­a­stro­phe auf uns selbst zu­kom­men und als ra­sten wir selbst in die Kat­a­stro­phe hin­ein.

Was hät­ten wir ge­ge­ben, um die­ses Un­heil ab­zu­wen­den?! Wir konn­ten in dem Au­gen­blick nichts ge­ben. Das Ent­set­zen lähm­te un­ser Den­ken, es lähm­te un­se­re Spra­che, wir fan­den kei­ne Wor­te für un­se­re Ge­füh­le und wir konn­ten nicht han­deln. Wir wur­den ohn­mäch­ti­ge Zu­schau­er ei­nes Ge­sche­hens tau­sen­de von Ki­lo­me­tern ent­fernt, ei­nes Ge­sche­hens, das sich den­noch über die Fern­seh­bil­der in un­se­re Her­zen ein­grub und in uns ist und in uns bleibt und in uns wühlt.

Was hät­ten wir ge­ge­ben? Wir konn­ten in dem Au­gen­blick nichts ge­ben. Wie gern hät­ten wir et­was ge­tan! Wir konn­ten in je­nem Au­gen­blick nichts tun.

Das Ge­sche­he­ne ist ge­sche­hen. Das ist bit­ter. Aber nun sind wir bei­sam­men, um un­se­re Ge­füh­le und un­se­re Ge­dan­ken zu ord­nen und uns zu be­sin­nen und die Fra­ge neu in uns zu stel­len: Was hät­ten wir ge­ge­ben, um die­se Kat­a­stro­phe zu ver­hin­dern?

Es war kein Erd­be­ben, es war kein Vul­kan­aus­bruch, es war kei­ne Na­tur­kat­a­stro­phe – es war ein von Men­schen ge­plan­tes und durch­ge­führ­tes Ge­sche­hen.

Wer wa­ren und wer sind die Men­schen, die die­ses Grau­en an­ge­rich­tet ha­ben? Was hat sie zu die­ser Schrecken­stat be­wo­gen? Sie wer­den sich Grün­de der Recht­fer­ti­gung zu­recht­ge­legt ha­ben.

Kann es ei­ne Recht­fer­ti­gung für ei­ne sol­che schreck­li­che Tat ge­ben? Wir sa­gen „Nein – nie­mals!“ Kann es ei­ne Recht­fer­ti­gung da­für ge­ben, die schreck­li­che Tat vom Diens­tag mit schreck­li­chen Ta­ten an­de­rer Art zu ver­gel­ten?

Der Apo­stel Pau­lus hat im Gei­ste Je­su ge­sagt: „Lass dich nicht vom Bö­sen über­win­den, son­dern über­win­de das Bö­se mit Gu­tem.“

Am Mitt­woch sag­te ei­ne Fern­seh­kom­men­ta­to­rin: „Wir kön­nen nun das Neue Te­sta­ment bei­sei­tele­gen und das Al­te Te­sta­ment auf­schla­gen, das drit­te Buch Mo­se, und sie zi­tier­te: „Wenn dich ei­ner schlägt, dann schla­ge zu­rück.“ Und sie füg­te hin­zu: „Da­bei wird es wie­der un­schul­di­ge Op­fer ge­ben, aber dar­an wird sich un­se­re So­li­da­ri­tät mit den Ame­ri­ka­nern mes­sen las­sen müs­sen.“

Wir wer­den das Neue Te­sta­ment nicht bei­sei­tele­gen. Das Neue Te­sta­ment mahnt uns: „Lasst euch nicht vom Bö­sen über­win­den, son­dern über­win­det das Bö­se mit Gu­tem.“ Dies ist ei­ne Kern­aus­sa­ge des Neu­en Te­sta­ments. Sie ist ver­kör­pert in Je­sus Chri­stus selbst. Je­sus Chri­stus ist das un­schul­di­ge Op­fer mensch­li­cher Ge­walt – und er hat ge­sagt: „Herr, ver­gib ih­nen, denn sie wis­sen nicht, was sie tun.“ Er ist als Un­schul­di­ger ins Grab ge­bracht wor­den. Sei­ne An­hän­ger und al­le, die ihn lieb­ten, hät­ten auf Ra­che an sei­nen Mör­dern sin­nen kön­nen. Aber be­vor sie dar­ü­ber nur ha­ben nach­den­ken kön­nen, kehr­te er selbst zu­rück, nicht als Rä­cher, nicht um mit den Mit­teln der Ge­walt Ver­gel­tung zu üben, son­dern um al­ler Welt die Bot­schaft zu ver­kün­den: „Euch steht der Weg zur Um­kehr of­fen. Ihr habt die Chan­ce zur Bes­se­rung. Gott sieht die gu­ten Kräf­te in euch. Sie sind un­ter eu­ren dü­ste­ren Ge­dan­ken ver­bor­gen, aber Gott hilft euch, den fin­ste­ren Schleier zu ent­fer­nen. Gott sieht die gu­ten Kräf­te in euch. Im Ge­strüpp schlim­mer Er­fah­run­gen sind sie in euch ge­fan­gen. Gott will euch be­freien.“

Gott schuf den Men­schen und sprach: „Sie­he, es ist sehr gut.“ Der Mensch er­wies sich dann lei­der nicht im­mer als sehr gut. Un­fass­bar Bö­ses ist im­mer wie­der von Men­schen aus­ge­gan­gen. Aber in je­dem Men­schen sind die gu­ten Kräf­te ver­an­lagt, in je­dem Men­schen auf un­se­rem Erd­ball, gleich wel­cher Her­kunft, gleich wel­cher Na­tio­na­li­tät, gleich wel­cher Spra­che, Kul­tur, Haut­far­be, Re­li­gion – und mag ein Mensch auch noch so viel Schuld auf sich ge­la­den ha­ben. In je­dem Men­schen sind die gu­ten Kräf­te ver­an­lagt.

An das Gu­te im Men­schen zu glau­ben und dem Men­schen die Chan­ce zu ge­ben, das Gu­te in ihm zur Ent­fal­tung zu brin­gen, das ist un­ser gott­geg­e­be­ner Auf­trag.

Das Neue Te­sta­ment be­schreibt uns Je­sus Chri­stus als den Sohn Got­tes. „Sie ha­ben mein Kind um­ge­bracht“ – das ist ei­ne der schreck­lich­sten Er­fah­run­gen, die El­tern über­haupt ma­chen kön­nen. „Sie ha­ben mei­nen Sohn um­ge­bracht“, dies muss­te Gott selber fest­stel­len als das bit­te­re Er­geb­nis der Mensch­heits­ge­schich­te.

Gott hat die Er­mor­dung sei­nes Soh­nes nicht zum An­lass ge­nom­men, die Men­schen zu ver­dam­men. Auf das Über­maß an Ge­walt hat er mit ei­nem noch grö­ße­ren Maß an lie­be­vol­ler Zu­wen­dung ge­ant­wor­tet. Ge­gen die Macht des To­des hat er dem Le­ben zum Sieg ver­hol­fen. 

Was hät­ten wir ge­ge­ben, um die Kat­a­stro­phe vom Diens­tag zu ver­hin­dern? Das Höch­ste und Größ­te und Hoff­nungs­voll­ste, was wir hät­ten ge­ben kön­nen, ist das Ver­spre­chen, al­len Men­schen auf un­se­rer Er­de mit ei­nem Höchst­maß an lie­be­vol­ler Zu­wen­dung zu be­geg­nen – und den ernst­haf­ten Ver­such zu un­ter­neh­men, die­ses Ver­spre­chen ein­zu­lö­sen.

Der Glau­be an das Gu­te im Men­schen, an das von Gott in den Men­schen hin­ge­leg­te Gu­te, die Hoff­nung, dass die Saat des Gu­ten doch im­mer wie­der auf­ge­hen mö­ge und die lie­be­vol­le Zu­wen­dung als die wär­men­de Son­ne, die Le­bens­kräf­te ent­fal­tet – Glau­be, Hoff­nung, Lie­be – sie sind Got­tes Zu­spruch an uns. Sie sind Got­tes Auf­trag an uns, sie sind, was wir von Gott durch Chri­stus emp­fan­gen ha­ben, und sie sind die höch­sten Gü­ter, die wir wei­ter­ge­ben kön­nen.

In der Ge­walt mi­li­tä­ri­scher Waf­fen liegt kei­ne Zu­kunft. Ge­walt­sa­me Ver­gel­tung aus ver­letz­tem Stolz wird den Scha­den ver­grö­ßern. Stra­fe muss sein, aber die Stra­fe darf nur den Tä­ter tref­fen.

Un­ser Erd­ball ist sehr klein ge­wor­den. Die An­for­de­run­gen an das Le­ben mit­ein­an­der auf die­sem Erd­ball wer­den im­mer hö­her, die ethi­schen An­for­de­rung stei­gen mit je­der neu­en tech­ni­schen Mög­lich­keit, Le­ben zu zer­stö­ren. Es kann kei­nen tech­ni­schen Schutz ge­ben. Es kann kei­ne ge­walt­sa­me Ein­schüch­te­rung ge­ben. Denn selbst­mord­be­rei­te Tä­ter sind durch Dro­hun­gen nicht zu be­ein­drucken. Die An­for­de­run­gen an den gu­ten Wil­len wach­sen. Wir müs­sen al­le die Kunst er­ler­nen, Kon­flik­te so zu lö­sen, dass je­der zu sei­nem Recht kommt. Da­bei wird je­der ein we­nig zu­rück­stecken müs­sen.

Die Kunst fried­li­cher Kon­flikt­lö­sung ist ei­ne welt­wei­te Auf­ga­be. Es ist die Auf­ga­be ei­nes je­den Ein­zel­nen von uns. Es ist die Auf­ga­be der Na­tio­nen un­ter­ein­an­der. In New York gab es nicht nur das World Tra­de Cen­ter. Es gibt auch die Ver­ein­ten Na­tio­nen. Sie sind das Er­geb­nis der krie­ge­ri­schen Kat­a­stro­phen des letz­ten Jahr­hun­derts, der or­ga­ni­sier­te Wil­le der Na­tio­nen, das Le­ben auf die­sem Erd­ball fried­lich und ge­recht zu ge­stal­ten.  

Be­vor ein wei­te­rer kost­spie­li­ger Krieg vom Zau­me ge­bro­chen wird, mö­ge ei­ne je­de Na­tion über­le­gen, ob sie ih­re Bei­trä­ge für die Ver­ein­ten Na­tio­nen ge­zahlt hat und ob sie auch sonst al­les ge­tan hat, um die Ar­beits­fä­hig­keit die­ser Welt­ver­samm­lung zu stär­ken!

Un­se­re mensch­li­chen Kräf­te rei­chen nicht, den Frie­den auf un­se­rem Erd­ball zu schaf­fen und zu er­hal­ten, wel­che Mit­tel auch im­mer wir an­wen­den. Wir kön­nen nur zweier­lei tun:
Wir kön­nen um den Frie­den be­ten. Wir kön­nen Gott bit­ten, dass er uns den Frie­den schen­ken mö­ge, nach dem wir uns al­le seh­nen. Das ist das ei­ne.

Und das an­de­re ist dies: Wir kön­nen das uns Mög­li­che tun. Wir kön­nen mit un­se­ren be­grenz­ten Mög­lich­kei­ten das tun, von dem wir mei­nen, es sei der rich­ti­ge und gu­te Weg. Was rich­tig und gut ist, da­für gibt uns das Neue Te­sta­ment e­i­nen Leit­fa­den: „Lass dich nicht vom Bö­sen über­win­den, son­dern über­win­de das Bö­se mit Gu­tem.“

(Predigt von Pastor Wolfgang Nein in St. Markus, Hamburg-Hoheluft am 16. September 2001)

 © Wolfgang Nein