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1. Sonntag der Passionszeit (22.2.26)


Dieser Schuldspruch ist ein Freispruch

12. Februar 1978

Invokavit

(1. Sonntag in der Passionszeit)

1. Mose 3,1-19(20-24)


Die Sündenfallgeschichte gehört zu den bekanntesten biblischen Geschichten. Sie ist leicht nachzuerzählen, weil sie so anschaulich und so konsequent in ihrem Gedankengang ist. Sie bietet aber, obwohl sie so einfach erscheint, eine Menge Ansatzpunkte zum Nachdenken und zur Diskussion. Wir müssen uns für die kurze Zeit der Predigt auf einen Gedanken beschränken. Wir stehen ja nun vom Kirchenjahr her gesehen am Beginn der Fastenzeit, der ernsten Vorbereitung auf Karfreitag und Ostern. Da legt es sich nahe, die Sündenfallgeschichte auf das hin abzuhören, was sie uns über die menschliche Schuld zu sagen hat.

Helmut Thielicke, der bekannte Hamburger Theologe, spricht in seinem Buch „Mensch sein, Mensch werden“ von dem großen Verschiebespiel, durch das Adam und Eva sich von ihrer Schuld zu befreien suchen. Als Gott Adam fragt: „Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?“, antwortet Adam: „Die Frau, die du mir beigesellt hast, hat mir von dem Baum gegeben, und so habe ich gegessen.“ Adam versucht, die Schuld von sich abzuschieben - zunächst auf die Frau. Aber in dem er sagt: „Die Frau, die du mir beigesellt hast“, schiebt er letztlich die Schuld auf Gott; denn er ist es, der die Frau für ihn geschaffen hat. 

Die Frau ist ihrerseits auch nicht bereit, die Schuld auf sich zu nehmen. Sie gibt sie an die Schlange weiter: „Sie hat mich verführt“, sagt sie, „und so habe ich gegessen.“ 

Wir könnten dieses Verschiebespiel noch weiterführen. Wenn Gott noch die Schlange gefragt hätte: „Warum hast du die Frau verführt?“, was hätte sie wohl geantwortet? Vielleicht mit dem Hinweis darauf, dass Gott selbst sie schließlich mit der gespaltenen Zunge ausgerüstet und ihr den Geist der Verführung mit auf den Weg gegeben hat. So würde dann wiederum die Schuld letztlich bei Gott selbst liegen.

Wir sind das Abschieben der Schuld gewohnt. Wir erleben tagtäglich, wie Schuld an andere weitergegeben wird. Ein Arbeitsloser etwa, der wegen gelegentlicher Unpünktlichkeit als Erster von mehreren seine Stellung verloren hat, mag seine unglückliche Lage der Firma anlasten, die ihn entlassen hat. Die Firma wird auf die Regierenden des Landes hinweisen, die die wirtschaftliche Lage nicht ausreichend voranbringt, sodass es sich eine Firma nicht mehr leisten kann, mangelhaftes Personal zu halten. Die Regierenden werden sich mit der allgemeinen weltwirtschaftlichen Lage zu entschuldigen suchen. Wer könnte dafür noch zur Verantwortung herangezogen werden? So wird die Schuld des Einzelnen schließlich in Schicksal verwandelt.

Wenn wir dieses Verschiebespiel auf die Spitze treiben, dann verliert der Begriff Schuld bald jegliche Bedeutung, weil kein Mensch mehr irgendeine Schuld hat. Dann wird es auch Strafe nicht mehr geben können, auch keine Richter mehr. Der Richter wird durch den Gutachter ersetzt sein.

Die Sündenfallgeschichte geht anders aus. Gott lässt sich die Schuld nicht zuschieben. Er erklärt Adam und Eva für schuldig und straft sie, die Frau mit den Schmerzen der Schwangerschaft, den Mann mit der Mühsal der Arbeit und beide mit der Ausweisung aus dem Paradies. 

Es wird oft gesagt, die Schlange sei das Böse. Aber damit wird der Eindruck erweckt, dass das Böse doch von außerhalb an den Menschen herangetragen würde. Dann wäre es ja widersinnig, ja ungerecht, Adam und Eva für die Tat zu bestrafen.

Nein, die Schlange ist in unserer Geschichte lediglich der Auslöser für das Böse, das in den beiden Menschen als Möglichkeit angelegt ist. Weil die Schuld nicht von irgendeiner Außenstelle abgeleitet wird, darum - und nur darum - können Adam und Eva zur Rechenschaft herangezogen und bestraft werden.

Die Überlegungen klingen nun sehr negativ, so, als wollten wir unbedingt den schwarzen Peter beim Menschen belassen. Sie klingen vielleicht sogar unbarmherzig, weil sie offenbar darauf aus sind, den Menschen jeden Ausweg aus der Schuld zu versperren.

In Wirklichkeit ist es aber genau umgekehrt. Was hier so unbarmherzig klingt, ist in Wirklichkeit ein Segen. Und gerade derjenige, der dem Menschen mit Entschuldigungen zu helfen sucht, kann ihn dadurch in eine ausweglose Situation bringen. Denn wer die Schuld des Menschen leugnet, der spricht ihm damit auch seine Freiheit ab. Der leugnet, dass er frei entscheiden könne zwischen Gut und Böse. Denn schuldig können wir nur den sprechen, der sich in eigener Freiheit für das Böse entschieden hat. Wer durch einen Zwang unausweichlich zum Tun des Bösen gedrängt worden ist, der bleibt unschuldig, dem kann sein Verhalten nicht subjektiv zugerechnet werden.

Die Paradiesesgeschichte stellt uns den Menschen als ein mit Freiheit begabtes Wesen dar. Da steht der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Adam und Eva erhalten den Auftrag, nicht davon zu essen. Sie tun es trotzdem und werden dafür bestraft. Gerade dadurch, dass Gott sie schuldig spricht, spricht er sie frei, so paradox das auch klingen mag. Gottes Schuldspruch ist ein Freispruch - in dem Sinne allerdings, dass er in Adam und Eva die Freiheit der Entscheidung für das Gute und das Böse voraussetzt.

Nur durch diesen Schuldspruch erfahren die beiden ihre Freiheit. Die Freiheit ist nur um den Preis der Schuld zu haben.

Nun mag es zutreffen, dass alles menschliche Verhalten, wie auch andere Vorgänge in der Natur, nichts weiter ist als das Endergebnis einer langen Kette von Ursache und Wirkung, wie die Behavioristen nachzuweisen versuchen, sodass auch jede Entscheidung für das Böse im Sinne des Verschiebespiels durch eine vorausgegangene Ursache erklärt und damit entschuldigt werden könnte. Eine solche Entschuldigung käme aber einer Entmündigung gleich.

Wir fragen uns also noch einmal: Ist nun der Mensch nur ein Bündel aus Fleisch und Blut, dass nur reagiert auf vorangegangene Impulse, oder ist er ein Wesen, das unabhängig agiert, ein Wesen, das frei sich entscheidet? Das ist wohl keine Frage, die der Naturwissenschaftler beantworten könnte. Er würde bei der Analyse des menschlichen Körpers und seiner Lebensbedingungen die Freiheit ebenso wenig finden wie die Astronauten Gott im Weltall entdeckt haben.

Wir können nicht sagen: „Der Mensch ist von Natur aus frei.“ Seine Freiheit ist keine natürliche, analysierbare Eigenschaft. "Der Mensch ist frei", das ist vielmehr eine Aussage des Glaubens. Die Freiheit kann aus dem Menschen nicht herausanalysiert werden; sie kann ihm nur zugesprochen werden. Eben das tut Gott in der Paradiesesgeschichte auf die scheinbar paradoxe Art des Schuldspruchs.

Indem Gott dem Menschen die Freiheit zuspricht, spricht er ihm eine eigenständige Persönlichkeit zu. Und damit wird uns das biblische Menschenbild aufgezeigt. Der Mensch ist nicht eine neutrale Masse in einer Kette von Ursache und Wirkung, sondern ein persönliches „Ich“. Durch die Zuerkennung der Freiheit wird der Mensch seiner selbst inne, er erkennt, dass er ist, dass er verschiedene Möglichkeiten der Entscheidung hat. Freilich muss erkennen, dass er sich nur dadurch seiner Freiheit zur Entscheidung bewusst geworden ist, dass er sie missbraucht hat, also schuldig geworden ist. Nur durch seine Schuld hat er seine Freiheit erfahren. 

Nun ist das eine, man könnte sagen, tragische Lage, in der sich der Mensch befindet. Dass er also frei sein kann nur als Schuldiger. Wenn die Entschuldigung ihm die Freiheit raubt, wie kann er dann mit der Schuld zurechtkommen, ohne seine Freiheit zu verlieren? Hier wird nun das Neue Testament von Bedeutung. Die Vergebung respektiert die Freiheit des Menschen, seine Freiheit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Sie geht davon aus, dass der Mensch seine Freiheit immer wieder missbraucht und schuldig wird. Aber zugleich befreit sie ihn von der Last der Schuld, indem sie ihm stets einen neuen Anfang ermöglicht. Eben das ist das Werk, dass Gott in Jesus Christus an uns getan hat. Nachdem er durch die Bestrafung Adams und Evas, die Ausweisung aus dem Paradies, uns die Freiheit zugesprochen und uns damit die Würde als Menschen zuerkannt hat, hilft er uns durch Jesus Christus, diese Würde, die zugleich eine große Bürde ist, zu tragen und zu ertragen.

Das christliche Reden von der menschlichen Schuld hat seine Grundlage nicht in einer geringschätzigen Auffassung von der ethischen Qualität des Menschen. Es beruht vielmehr auf einem hohen Menschenbild, der Hochachtung vor der menschlichen Würde als eines von Gott mit Freiheit begabten Wesens. Dass der Mensch diesem hohen Anspruch im Grunde nicht gerecht wird, führt nicht zum Verlust seiner Würde. Sie wird dem Menschen durch das Neue Testament viel mehr bestätigt und neu in verstärkter Form zugesprochen - durch die Liebe Gottes, die Vergebung, das Leiden und den Tod Christi um unseretwillen.

(Predigt in der Kreuzkirche in Cuxhaven-Altenwalde, am 12. Februar 1978)

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