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Sonntag vor der Passionszeit (15.2.26)


Heilung und Heil

13. Februar 1983

Estomihi, Sonntag vor der Passionszeit

Lukas 18,31-43


Mich hat zuerst gewundert, dass der Predigttext zwei so ganz verschiedene Situationen zusammenfasst: Das eine Ereignis trägt sich bei Jerusalem zu, das andere bei Jericho. Es ist nicht nur die räumliche Entfernung, die beide Schilderungen voneinander trennt. Auch was da berichtet wird, scheint auf den ersten Blick gar nicht so recht zusammenzupassen. Nicht wenige Prediger konzentrieren sich deshalb auf jeweils nur den einen Teil des Textes und lassen den anderen weg. Mir scheint aber bei weiterem Nachdenken gerade die Kombination beider besonders aussagekräftig.

Zunächst noch einmal die beiden Situationen. Die eine spielt auf dem Weg nach Jerusalem. Jesus nimmt seine Jünger beiseite und teilt ihnen gewissermaßen vertraulich mit, was nun im Folgenden geschehen werde: dass sich nämlich in Jerusalem die Weissagungen der alttestamentlichen Propheten über den Menschensohn erfüllen würden, dass der Menschensohn den Heiden überantwortet würde, dass er verspottet, geschmäht, gegeißelt und schließlich getötet würde – und dass er am dritten Tage auferstehen würde.

Wir wissen, dass Jesus hier sein eigenes, ihm nun bevorstehendes Schicksal beschreibt. Die Jünger verstehen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wovon er redet. Wir können den Jüngern die Schwierigkeit des Verstehens wohl nachempfinden. Denn Ausführungen über die Zukunft, auch wenn sie mit einer solchen Sicherheit vorgetragen werden wie hier durch Jesus, sind immer schwer eingänglich, weil die Anschauung fehlt. Und wenn die Schilderung der künftigen Ereignisse noch dazu negativ ist, wird unser Vorstellungsvermögen zusätzlich behindert; denn die Bedrohungen der Zukunft nehmen wir nicht gern wahr. Wir neigen eher dazu, uns die Zukunft angenehmer vorzustellen, als sie es dann wirklich ist. Selbst wenn die Jünger geahnt haben mögen, dass nun Schlimmes auf ihren Jesus zukommen würde – und damit ja auch auf sie selbst, werden sie diesen Gedanken schnell wieder verdrängt haben.

Die Schwierigkeit zu verstehen, hat aber noch einen anderen Grund. Sie besteht nicht nur darin, dass Jesus von zukünftigen Ereignissen redet, die sich noch keiner so recht vorstellen kann und will. Wenn das das einzige Problem gewesen wäre, dann müssten wir im Nachhinein ja verstehen. Wir wissen ja nun, wie es weitergegangen ist. Wir blicken auf die Ereignisse zurück.

Nein, es kommt als zusätzliche Schwierigkeit für das Verstehen hinzu, dass der Sinn der geschilderten Ereignisse gar nicht so leicht zu begreifen ist. Jesus muss leiden, verspottet, gequält, gekreuzigt und schließlich auferweckt werden. Was hat das alles zu bedeuten? Die Jünger hatten mit Jesus ganz andere Vorstellungen verbunden. Sofern sie in ihm schon den in der religiösen Tradition des Volkes Israel angekündigten Messias, den Christus, den Erlöser sahen, verbanden sie damit konkrete, innerweltliche, politische Vorstellungen: dass er nämlich das Elend ihrer konkreten Lebensumstände beenden würde. Leiden, Kreuzigung und Auferstehung passten nicht zu ihren Erwartungen. Aber auch von diesen Erwartungen abgesehen, bleibt Jesus für sie schwer verständlich und für uns ebenso.

Es handelt sich hierbei um die Schwierigkeit, ein theologisches Konzept zu verstehen. Um Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu begreifen zu können, müssen wir uns einen Begriff davon machen, warum dieser Jesus überhaupt gekommen ist, was er will, warum er so handelt und nicht anders, wie er die Menschen sieht, mit denen er zu tun hat, und welches der Plan Gottes ist, in den Jesus immer wieder sein Tun und Reden einordnet. Das ist schon alles hohe Theologie. Das ist nicht so leicht zu begreifen. Mir tun die Jünger geradezu leid, denen Jesus auf dem Weg nach Jerusalem so schwere theologische Brocken zu schlucken gibt. Dass sie die nicht verdauen können, ist doch sehr verständlich.

Es ist deshalb geradezu eine Erlösung, dass auf die Episode auf dem Weg nach Jerusalem noch eine andere folgt: die vom Blinden bei Jericho. Denn hier wird es konkret. Hier kann man was erleben, miterleben. Hier kann man was anschauen, beobachten. Da sitzt ein blinder Mann am Weg und bettelt. Er hört, dass eine Menge Menschen vorbeigehen. Er erkundigt sich, was los ist, hört, dass Jesus von Nazareth da ist. Offenbar hat der blinde Mann von diesem Jesus schon vieles, viel Gutes nämlich, gehört. Er ruft laut hinter ihm her: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Einige der Begleiter Jesu fühlen sich durch diesen Zuruf offenbar belästigt. Vielleicht meinten sie auch, sie müssten solche Belästigungen von Jesus fernhalten. Vielleicht meinten sie, er hätte Wichtigeres zu tun: zu reden und zu predigen, statt sich um einen Blinden zu kümmern. 

Sie haben sich in Jesus getäuscht. Denn als der Blinde ein zweites Mal ruft, bleibt Jesus stehen und lässt den Blinden zu sich führen. Er fragt ihn, was er von ihm erwarte. Der Blinde sagt: „Herr, dass ich wieder sehen möge.“ Jesus daraufhin zu ihm: „Sei sehend, dein Glaube hat dir geholfen.“ Und tatsächlich wurde der Blinde sehend. Er wurde zu einem Anhänger Jesu. Er pries Gott, und Gleiches tat das Volk, das dies alles miterlebt hatte.

Ich sagte vorhin, dass diese zweite Episode dem Verständnis viel leichter eingänglich sei als die erste, weil sie so anschaulich ist. Dem mag einer entgegenhalten, dass die Wunderheilung auch ein schwerer Brocken und überhaupt nicht leicht verständlich sei. Aber bei dem Thema brauchen wir uns nicht lange aufzuhalten. Wenn uns einer erzählt, er habe eine kleine weiße Pille genommen und davon seien seine Kopfschmerzen innerhalb einer halben Stunde verschwunden, fragen wir ihn auch nicht, wieso ein so kleines weißes Ding so furchtbar unangenehme Beschwerden im Nu aus der Welt schaffen kann – obwohl das ja eigentlich ein großes Wunder ist. Nein, uns interessiert das Ergebnis. Da war einer blind, und Jesus hat ihn sehend gemacht. Da hat ein Mensch gelitten und hat Jesus um Hilfe angerufen. Und Jesus hat sich seiner erbarmt und hat ihn gesund gemacht. Das ist eine handfeste Sache. Da war einer behindert. Und nun ist er wieder in Ordnung. Und das hat Jesus zustande gebracht. So etwas kann man begreifen. Da hat man gesehen, was war, was geschah und was daraus geworden ist. Die Begeisterung der Menge ist folgerichtig.

Ich könnte deshalb, nebenbei gesagt, etwas neidvoll auf die Ärzte blicken. Denn der Sinn und Zweck ihrer Arbeit ist nachprüfbar. Sie können feststellbare Ergebnisse vorweisen. Wenn einer krank war und durch ärztliche Hilfe gesund geworden ist, dann sieht man, was der Arzt getan hat. Das ist bei einem Pastor nicht so. Die Verkündigung, die wir betreiben, führt kaum zu meßbaren Erfolgen. Wenn einer versuchen wollte, die Ergebnisse der Verkündigung zu messen, z. B. durch Besucherzahlen bei Gottesdiensten, durch Meinungsumfragen usw., erschiene das eher unangemessen. 

Wenn Außenstehende gefragt werden: „Wozu ist die Kirche gut?“, nennen sie gern die sozialen Aufgaben, die die Kirche wahrnimmt. Da wird etwas Handfestes getan. Wenn die Kirche ein Blindenheim unterhält, findet das die Anerkennung der Bevölkerung. Solche generelle Anerkennung ist für Gottesdienste z. B. nicht festzustellen. Würde die Kirche aber nur soziale Aufgaben wahrnehmen, wäre sie am Ende nicht mehr Kirche. Deshalb unterscheiden wir auch ausdrücklich Sozialarbeit und Diakonie. Diakonie ist nicht nur die Sozialarbeit der Kirche. Diakonie ist Sozialarbeit plus christliche Verkündigung. Dieser Zusammenhang wird durch den heutigen Predigttext hergestellt.

Das, was wir in der zweiten Episode erleben, ist, so könnten wir auf den ersten Blick sagen, ein Stück Sozialarbeit (wenn wir einmal von der Wunderheilung absehen). Aber damit ist noch nicht alles gesagt. Denn wir wissen ja, wer Jesus ist: dass er sein mitmenschliches Handeln in einem größeren Zusammenhang gesehen hat. Er hat sich dem Mitmenschen aus einer großen göttlichen Liebe heraus zugewandt. 

Für Jesus sind wir als Menschen erbarmungswürdige Geschöpfe. Nicht nur in der Hinsicht, dass einige von uns im körperlichen Sinne auf beiden Augen blind sind. Es gibt viele Formen der Blindheit. Sie können z. B. mit unserer Eigensucht und Eitelkeit und Selbstgerechtigkeit zu tun haben. Auch um solcher Blindheit willen ist Jesus gekommen. Nicht nur Heilung will er uns bringen, Heilung von einer Krankheit, wie sie in unserer zweiten Episode geschildert ist. Er bringt uns auch das Heil, das Heil für unser ganzes Sein als Menschen und für unser Sein als ganzer Mensch. 

Um uns dieses Heil zu bringen, ist der Weg vonnöten, den Jesus im ersten Abschnitt ankündigt: das Mitleiden, das Sterben für uns und sein Auferstehen in die immerwährende Gegenwart seiner Liebe. 

Davon dürfen wir nicht ablassen: dass in unserer kirchlichen Diakonie beides stets ineinander verwoben bleibt: die Sorge um die einzelnen ganz konkreten Nöte der Menschen – die Heilung, und die Hinwendung zum ganzen Menschen, das Heil. Für beides ist Jesus Christus gekommen. 

(Predigt in St. Markus, Hamburg-Hoheluft, am 13. Februar 1983)

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