Christliche Orientierung für die Gesellschaft
Das Thema des Predigttextes passt recht gut zum Problem des heutigen Tages. Es geht da um den Sabbat, den wöchentlichen Feiertag der Juden, an dem der Mensch von der Arbeit ruhen soll, weil Gott am siebten Tag seines Schöpfungswerkes ausruhte.
Jesus hat das Ruhegebot des Sabbats des Öfteren verletzt. Er geriet dadurch in Auseinandersetzung mit seinen jüdischen Mitmenschen, vor allem den Pharisäern. Man warf ihm vor, dass er eine geringe Meinung vom Gesetz hätte, dass er sich über das gottgegebene Gesetz hinwegsetzte, welches doch den Zweck hätte, dem Menschen eine heilsame Ordnung zu geben, in der der Mensch befähigt würde, sein Leben nach Gottes Willen auszurichten.
Jesus hatte sich mit seinen Jüngern also des Öfteren über das Ruhegebot des Sabbats hinweggesetzt. In unserem Predigtabschnitt wird davon erzählt, dass sie aufs Feld hinausgegangen waren, um dort Ähren auszuraufen. Damit haben sie möglicherweise auf zweierlei Weise die Sabbatruhe verletzt: Sie sind einen zu weiten Weg gegangen – man durfte am Sabbat nur eine bestimmte Entfernung zurücklegen. Und man durfte nicht ernten. Jesus rechtfertigt die Handlung mit dem Hinweis auf den Hunger seiner Jünger. So ist doch wohl die Erinnerung an einen alttestamentlichen Bericht über David zu verstehen, der sich mit seinen Gefolgsleuten in einer Hungersnot an den Broten im Tempel vergriff, die eigentlich ausschließlich den Priestern vorbehalten waren.
Um zu verdeutlichen, warum das Verhalten Davids kein verdammungswürdiges Vergehen, sondern eine entschuldbare und gerechtfertigte Handlung war, fügt Jesus einen Satz hinzu, mit dem er grundsätzlich die Rolle und Funktion des Gesetzes klarstellt: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbat willen.“ Damit macht Jesus klar: Wenn die strikte Anwendung des Gesetzes dem Menschen schadet, ist die Anwendung des Gesetzes nicht rechtens.
Jesus zieht damit die lebenswichtige Bedeutung des Gesetzes nicht in Zweifel. Im Gegenteil. Er stellt gerade die lebenserhaltende Funktion des Gesetzes heraus. An eben dieser Funktion allerdings muss sich die Anwendung des Gesetzes auch messen lassen. Es gibt Fälle, in denen eine sture Form der Gesetzesanwendung unmenschlich wäre. Wir erfahren dafür aus den Evangelien etliche Beispiele.
Vom Hunger hatten wir bereits gehört. Die Befriedigung dieses so elementaren Bedürfnisses duldet keinen Aufschub. Schon gar nicht kann ein solcher Aufschub durch diejenigen verlangt werden, die selbst satt sind. Wir lesen auch von anderen Beispielen: Wenn am Sabbat ein Kranker zu Jesus gebracht wird, hält er es nicht für in Ordnung, die Heilung auf den nächsten Tag zu verschieben.
Und wiederum müssen wir hinzufügen: Die Gesunden hätten am wenigsten das Recht, dem Kranken einen weiteren Tag seiner Not zuzumuten. Es ließen sich weitere Beispiele anfügen.
Das Gesetz ist also zum Wohle des Menschen da. In dieser Zweckbestimmung ist es Ausdruck des göttlichen Willens. Denn Gott will unser Wohlergehen. Ob das Gesetz diese gottgewollte Aufgabe auch erfüllt, ist bei der Anwendung des Gesetzes stets zu prüfen.
Die Frage erhebt sich: Wie erlangen wir Kenntnis darüber, was der Wille Gottes ist? Auf diese Frage liefert uns der Predigttext eine Aussage Jesu, die uns als Antwort dienen mag: „So ist des Menschen Sohn ein Herr auch über den Sabbat.“ Dies soll für uns heißen: Bei der Anwendung des Gesetzes haben wir zu prüfen, ob wir damit zugleich dem Geist Christi gerecht werden. Es geht nicht um die Wahl: entweder Gesetz oder Christus, sondern es geht um einen Gleichklang, darum, dass die Anwendung des Gesetzes dem Willen Christi nicht widerspricht. Dabei muss also immer klar sein: Das Gesetz hat eine dienende Funktion und muss sich dem Willen Christi einfügen.
Auch als Christen in einer durch und durch weltlichen Gesellschaftsordnung wissen wir die staatlichen Gesetze zu schätzen als Mittel einer äußeren Ordnung, in der sich Leben entfalten kann, in der dem materiellen und seelischen Wohlergehen eine Chance gegeben ist. Wir können nach geschichtlicher Erfahrung und beim Blick auf die verschiedenen staatlichen Ordnungen, die es in der Welt gibt, hinzufügen, dass der freiheitliche, soziale, demokratische Rechtsstaat, wie wir ihn in der Bundesrepublik haben, eine Form ist, die vielleicht unter allen Formen am besten die äußeren Bedingungen gewährleistet, unter denen sich das entwickeln kann, was wir im christlichen Sinne als Wohl des Menschen ansehen.
Wir stehen heute allerdings vor einem Problem, das uns zu zweierlei Maßnahmen zwingt, nämlich zu prüfen,
1. ob wir die Gesetze unserer im Ganzen guten Ordnung nicht doch hier und da zum Schaden von Menschen angewandt haben und anwenden, und 2. ob unsere Gesetze ausreichen, unter den heutigen Bedingungen das menschliche Wohl im christlichen Sinne zu gewährleisten.
Ich möchte in einigen Punkten aufzuzeigen versuchen, warum wir zu dieser Prüfung gezwungen sind. Wir müssen nämlich trotz unserer guten Ordnung und trotz des persönlichen materiellen Wohlergehens der Mehrzahl der Menschen in unserem Staat Folgendes feststellen:
1. Wir sind als Westdeutsche zu unserem eigenen wirtschaftlichen Wohlergehen aktiver Teil einer Weltwirtschaftsordnung, die nicht verhindert, sondern im Gegenteil festschreibt, dass auf der Welt täglich über 40.000 Kinder verhungern.
2. Wir sind um unserer eigenen Sicherheit willen in ein militärisches System eingebunden, das allein auf westlicher Seite täglich rund eineinhalb Millionen DM kostet und zahllose Menschen im Rüstungsbereich beschäftigt, das also wirtschaftliche Mittel und menschliche Intelligenz verbraucht, die für die Lösung ziviler weltweiter Probleme so dringend nötig wären.
3. Wir suchen unsere militärische Sicherheit in einer Strategie, die in der Fähigkeit besteht, den Gegner mit einem Ersteinsatz von Atomwaffen entscheidend zu schlagen.
4. Wir suchen unsere militärische Sicherheit durch technische Mittel, die in Minutenschnelle den Gegner vernichten können. Dadurch ist ein menschliches Nachdenken im Krisenfall nicht mehr möglich. Lebensbedrohliche Entscheidungen werden der Technik überlassen. Ich erinnere daran, dass die Pershing II, die in der Bundesrepublik stationiert werden soll, nur 6-9 Minuten braucht, um von westdeutschem Boden aus Ziele in der Sowjetunion zu erreichen.
5. Wir nehmen für die Erprobung solcher Waffen die Verseuchung von Teilen unserer Erde, vor allem den Pazifik, und die Gesundheitsschädigung der dort lebenden Menschen in Kauf.
Für viele Christen sind diese Tatsachen zu einer unerträglichen Belastung ihres Gewissens geworden.
Die Bibel ruft uns zum Vertrauen auf Gott als den alleinigen Herrn unseres Lebens auf. Wir dagegen haben unser Leben einer immer monströseren Rüstung anvertraut. Unser Sicherheitssystem hat sich zu einem Götzen entwickelt, von dem wir das erwarten, was wir als Christen allein von Gott erwarten sollten. Es könnte die biblische Mahnung schreckliche Wahrheit werden: „Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren.“
Die Bibel, vor allem Christus, ruft uns zur Liebe zu unserem Nächsten, besonders zu unserem schwachen Nächsten auf. Aus Angst vor unserem eigenen Sterben, aus Angst vor materiellen Einschränkungen und aus Angst vor dem Verlust an Freiheit lassen wir dagegen täglich tausende unschuldiger Menschen sterben, gefährden die Gesundheit vieler und zerstören ihren Lebensraum.
Christus hat uns zur Liebe auch gegenüber unserem Feind aufgerufen. Wir dagegen bedrohen die Menschen in der Sowjetunion mit Vernichtung. Die Feindesliebe hat so keine Chance mehr.
Gott hat uns die Erde, seine Schöpfung, anvertraut, damit der Mensch darauf leben könne. Wir sind im Begriff, diesen uns von Gott gegebenen Lebensraum endgültig, unwiderruflich zu zerstören. Das ist kein Unternehmen, an dem sich Christen beteiligen können.
In dieser Weise ist das Gewissen vieler Christen belastet. Die angekündigte Stationierung weiterer Atomraketen in Westeuropa noch in diesem Jahr empfinden sie als eine weitere Bürde, die sie nicht mehr zu tragen bereit sind. Sie sind nicht bereit, den Weg weiterzugehen, der sie von Gott als unserem Schöpfer und alleinigen Herrn und von Christus als der menschgewordenen Liebe Gottes weiter wegführt. Sie sind nicht bereit, den Weg weiterzugehen, der schon viel Unheil angerichtet hat und noch größeres Unheil heraufbeschwört.
Im Anschluss an die Schlusserklärung der Weltchristenheit in Vancouver hat die Synode unserer Nordelbischen Kirche eine Kundgebung unter dem Titel „Unsere Kirche und der Frieden in der Welt“ beschlossen. Sie hat darin unumwunden formuliert: „Der Einsatz von Atomwaffen ist ein Verbrechen gegen die Menschheit.“ Sie ruft die Regierungen in Ost und West auf, den Besitz und Einsatz von Atomwaffen als Verbrechen gegen die Menschheit zu ächten.
Wer in seinem eigenen Gewissen Besitz und Einsatz von Atomwaffen bereits als Verbrechen erkannt hat, befindet sich hier in einem tiefgreifenden Konflikt. Denn weder kann er den Weg mitgehen, der sich ihm als Verbrechen darstellt, noch kann er stille schweigen und untätig bleiben. Er muss seine Stimme erheben und im Geiste Christi dazu aufrufen, unsere bestehenden Gesetze so auszulegen und anzuwenden, dass sie dem Wohl des Menschen, dem Wohl der Menschheit dienen. Ggf. müssten Gesetze geändert oder neu geschaffen werden.
Bis dahin werden viele von denen, die sich dem widersetzen, was sie als Verbrechen erkannt haben, ihre Einsicht zeichenhaft zum Ausdruck bringen. Als Christen tun wir das vor allem durch das Gebet und den Gottesdienst. Aber auch diejenigen, die sich zu Formen des zivilen Ungehorsams entschließen, sind dafür durch Christus legitimiert – möglichweise dann allerdings auch wie er einer Zeit des Leidens schutzlos ausgesetzt. Denn vor aller menschlichen Ordnung ist er unser Herr, nach dem wir unser Leben auszurichten haben.
Es ist eine große Aufgabe für uns als Christen, eine Aufgabe, die über dieses Jahr hinausgeht, unsere Rechtsordnung und ihre Anwendung zu überprüfen und ggf. zu ändern unter der Fragestellung: Werden sie dem Auftrag Christi an uns gerecht?
Mögen solche Bemühungen dazu führen, dass dem Willen Gottes unter uns mehr Raum geschaffen wird – zum Wohle aller Menschen.
(Predigt von Pastor Wolfgang Nein in St. Markus, Hamburg-Hoheluft am 16. Oktober 1983)