Würde den Unwürdigen!
17. Mai 1981
Kantate
(4. Sonntag nach Ostern)
Matthäus 21,14-17
"Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir ein Lob bereitet.“ Die Kinder auf dem Tempelplatz rufen Jesus zu: „Hosianna dem Sohn Davids!“ – „Hilf doch, Herr!“, das ist der Ruf, mit dem der Messias begrüßt wurde, der Retter, auf den das Volk Israel damals wartete und auf den die Juden heute noch warten.
Die Hohepriester und Schriftgelehrten vermochten in Jesus diese Rettergestalt nicht zu erkennen. Ihnen erschien es deshalb frevelhaft und gotteslästerlich, dass die Bevölkerung von Jerusalem diesen erbärmlichen Menschen, der von Bethanien auf einem Esel herübergeritten war, diesen Wunderdoktor und Großredner mit dem Messias verwechselte.
Und dass die Kinder die Hochrufe der Erwachsenen nachplapperten und Hosianna schrien wie die Alten, als wüssten sie, was das ist: ein Messias, der Retter Israels! Die Kinder hatten ja noch gar keinen Begriff von Geschichte, von Not, von politischer Not. Dass diese kleinen Kinder ein so gewaltiges Wort in ihre kleinen Mäuler zu nehmen wagten, das war ungehörig; da musste ihnen der Mund verboten werden. Das ging die Kinder gar nichts an. Eine Sache der religiösen Experten war das und der politisch Führenden zu entscheiden, ob da nun einer der Messias wäre oder nicht.
„Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir ein Lob bereitet.“ Auf das Urteil der hochgestochenen Hohepriester und Schriftgelehrten gab Jesus gar nichts. Unmündige und gar Säuglinge haben in diesem Fall mehr zu sagen oder wenigstens gleiches Urteilsrecht. Das ist ein Schlag ins Gesicht der religiösen Führer und Gelehrten.
Säuglinge - geht Jesus hier nicht zu weit? Übertreibt er nicht seine Ironie? Verhöhnt er seine Gegner nicht mit überzogenen Bildern? Macht er sich damit in den Augen seiner Gegner nicht lächerlich? Das Urteil eines Säuglings - kann man Jesus da überhaupt noch ernst nehmen?
Mir ist aufgegangen, dass in der Tat von einem Säugling ein Urteil ausgehen kann, das bei weitem gewichtiger ist als das Urteil jedes entscheidungsfähigen Erwachsenen. Ich stelle mir vor, wie da ein siebzehnjähriges Mädchen sitzt in der Nähe des Tempelbezirks. Die Hohepriester und Schriftgelehrten gehen täglich an ihm vorbei. Sie haben es noch nie beobachtet. Es ist in Lumpen gekleidet. Es sieht armselig aus, etwas abgemagert; schlecht ernährt wird es sein, vielleicht ein wenig krank und gar nicht sauber; von Schönheit keine Spur, ein unappetitlicher Anblick. Das ist kein junges Mädchen, wie man es sich wünscht, wie man es sich gerne ansieht. Armselige Eltern muss es haben, die sich nicht kümmern können oder wollen. Und viel im Kopf scheint es auch nicht zu haben, etwas dümmlich. Es lohnt sich nicht, für dieses unansehnlichen Wesen auch nur die Augenlider anzuheben.
Dieses junge Mädchen wird schwanger.
Eines Tages hält sie einen Säugling im Arm, dieses Wunderwerk der Schöpfung, ein lebendes kleines Gebilde, kompliziert gebaut, und alles funktioniert, alles ist dran und schön anzuschauen. Wie es sie manchmal anlacht, so hat sie noch nie jemand angelacht, schon gar nicht die Hohepriester und Gelehrten, die täglich mit sturen Blick an ihr vorübergegangen sind. Und dieses Schreien - so hilflos ist es ja, das Kleine. Von ihr will es die Nahrung, will es eingewickelt werden, will es gewaschen, gewiegt werden. Dieses Kleine braucht sie. Wer hat sie schon jemals gebraucht?! Und wenn es die Milch bekommen hat - wie zufrieden es dann daliegt! Ganz glücklich sieht es dann aus. Wen hat sie in ihrem Leben schon mal glücklich gemacht?! Wer hat von ihr genommen, was sie zu geben hat?! Wer hat sie jemals so dankbar und zufrieden angeschaut?!
Dieses kleine Kind ist ein Geschenk des Himmels. Kein Mensch hätte ihr ein größeres, kein wertvolleres Geschenk bereiten können. Niemals ist sie so glücklich gewesen. Sie weiß, wozu sie da ist. Eine Aufgabe hat sie, eine große Aufgabe. Kein Mensch hätte ihr jemals eine solche Aufgabe an übergeben. Eine Verantwortung trägt sie. Die hätte ihr niemals jemand übertragen. Ein Stück Leben ist ihr in die Arme gegeben. Sie hat jetzt Teil am göttlichen Schöpfungswerk. Sie ist jetzt wer. Eine Würde ist ihr gegeben. Welches Vertrauen ist in sie gesetzt! Welche Erwartungen!
„Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir ein Lob bereitet.“ Diese kleinen Kinder haben in der Tat in mancher Hinsicht mehr und Gewichtigeres zu sagen, auch wenn sie gar nicht oder kaum reden können, mehr und Gewichtigeres als manche hochgestochene Persönlichkeit.
Ob Jesus der Messias ist, der Retter Israels und auch unser Befreier - ob Jesus derjenige ist, der uns befreien kann zu einem erfüllten Leben, das ist letztlich nicht eine Frage des Nachdenkens. Wir sind diesem Jesus übergeben wie der Säugling der Mutter. Ihn können wir ganz und gar in Anspruch nehmen, einfach in Anspruch nehmen. Von ihm und durch ihn können wir leben. „Hosianna“ - hilf doch!, das ist die etwas formellere Version des Hilfeschreiens, dass noch so ungebildet aus dem Mund des Säuglings kommt.
Wer und was dieser Jesus ist, das zu entscheiden, ist nicht dem Urteil der Hohepriester und Schriftgelehrten vorbehalten. Sie können Jesus die Messiaswürde genauso wenig zusprechen oder absprechen, wie sie dem jungen Mädchen die Würde als Mensch und Mutter zusprechen oder absprechen können. Solche Titel werden von anderer Stelle vergeben. Für uns kommt es darauf an, dies zu achten und uns zum Nutzen werden zu lassen.
Dem Säugling fällt es nicht schwer, die Mutter als Lebensquelle anzunehmen. Das tut er spontan. Uns fällt es da schon schwerer, einen unscheinbar wirkenden Menschen in seiner Würde als Mensch hoch zu achten. Und noch schwerer mag es uns fallen, Jesus als den Christus, den Messias, als unseren Befreier anzunehmen. Freilich leben wir davon - so wie das Kind von der Mutter -, dass wir uns gegenseitig in der Würde als Menschen respektieren und dass wir aus Jesus Christus als der Quelle eines erfüllten Lebens schöpfen.
Das ist nicht intellektuell vorherbestimmbar, sondern erst im Vollzug erfahrbar. Der Säugling wird eines Tages merken, dass er nur hat leben können dank seines Vertrauens zur Mutter. So wird sich Jesus Christus für uns als Lebenskraft erst erweisen, wenn wir gelebt haben. Das ist die Paradoxie des Glaubens.
Ich sagte: „Wir sind Jesus Christus gegeben wie der Säugling der Mutter.“ Ich möchte auch sagen: „Jesus Christus ist auch uns gegeben, wie der Säugling der Mutter.“ Er ist ein Geschenk des Himmels an uns. Er ist uns anvertraut. Es ist ein Zeichen des Vertrauens zu uns, dass wir mit ihm recht umgehen werden, dass wir ihn hegen und pflegen mit Liebe und Vertrauen, mit Liebe umsorgen werden. Das ist ein Vertrauen, das durch Erfahrung eigentlich nicht gerechtfertigt ist, genauso wenig, wie es gerechtfertigt ist, einem ungebildeten armseligen siebzehnjährigen Mädchen einen hilflosen Säugling anzuvertrauen.
Aber auch die einfachsten und unscheinbarsten Menschen werden durch Kinder beschenkt. Und wir alle sind durch Jesus Christus beschenkt worden. Das gibt gibt uns eine unerwartet große Würde. Wir haben uns durch die Kreuzigung als des Vertrauens unwürdig erwiesen. Aber durch die Auferstehung ist uns die Würde noch einmal und für alle Zeit zugesprochen worden. Das Schreien eines jeden Säuglings ist wie ein immer neuer Zuruf dieser Würde.
Darüber können wir nur immer wieder staunen und uns mit Dankbarkeit den Worten des 8. Psalms anschließen, wo es heißt:
„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,
und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,
mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.
Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk,
alles hast du unter seine Füße getan.
Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen.“
(Predigt von Pastor Wolfgang Nein in St. Markus, Hamburg-Hoheluft, am 17. Mai 1981)
