„Lass dich nicht vom Bösen überwinden,
sondern überwinde das Böse mit Gutem."
16. September 2001
14. Sonntag nach Trinitatis
Römer 12,21
Einleitung: Wir gedenken in diesem Gottesdienst der Menschen, die durch das schreckliche Geschehen am Dienstag in den USA ihr Leben verloren haben, wir gedenken der vielen Verletzten. Wir gedenken ihrer Angehörigen und Freunde.
Die Ereignisse am Dienstag haben uns schockiert, sie haben uns aufgerüttelt und sie haben uns zum Nachdenken gebracht. Wir fragen uns: Wie konnte es zu diesem furchtbaren Geschehen kommen? Wir fragen uns: Wie wird es weitergehen?
Wir stellen auch grundsätzliche Fragen: Wer ist der Mensch, dass er zu solchen Untaten fähig ist? Wir fragen nach dem einzelnen Menschen, und wir fragen nach der großen, weltweiten menschlichen Gemeinschaft. Und wir besinnen uns auf die Grundlagen unseres Zusammenlebens.
Wir besinnen uns auf die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung und zu jedem seiner Geschöpfe. Wir besinnen uns auf den Auftrag, den wir von ihm empfangen haben.
Wir nehmen die Ereignisse vom Dienstag zum Anlass, in die Geschichte zu blicken und über unseren ganzen Erdball zu blicken, der für uns heute so klein geworden ist.
Mit Erschrecken stellen wir fest, dass die Ereignisse vom Dienstag eine neue Form von Gewalt sind, eine neue Form der Gewalt, die Menschen seit Menschengedenken an Menschen verübt haben.
Wir dürfen und wir wollen uns mit der Spirale der Gewalt nicht abfinden. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten“, diesen Auftrag gibt uns das Neue Testament. Das sei unser Ziel und unser Weg.
Wir sehnen uns nach Frieden in aller Welt. Wir bitten Gott um seinen Beistand.
Predigt: Als wir auf den Bildschirmen unserer Fernseher zuhause das Flugzeug auf den Turm des World Trade Centers zurasen sahen – was hätten wir dafür gegeben, die dann folgende Katastrophe zu verhindern!!! Wir konnten in dem Augenblick nichts geben. Wir waren gelähmt. Wir waren ohnmächtig. Und in der Starre unserer Ohnmacht mussten wir ansehen, wie ein zweites Flugzeug in die Türme raste.
Die Flugzeuge, Erfüllung eines Menschheitstraums, fliegen zu können, die Bodenschwere zu überwinden und die Freiheit der Grenzenlosigkeit zu empfinden – sie wurden zu Instrumenten der Zerstörung und der tausendfachen Tötung.
Und die hochaufragenden Türme, wunderschön anzusehen im Glanz der Sonne, der Stolz menschlicher Baukunst und Symbol weltweiter Wirtschaftsmacht – sie sanken zu Boden und wurden zum Trümmergrab von Menschen vieler Nationen.
Es waren Menschen in den Flugzeugen, es waren Menschen in den Türmen. Wir selbst hätten es sein können, privat oder geschäftlich, die schöne Aussicht aus dem Flugzeug genießend oder die wunderbare Aussicht von den Türmen ganz oben. Wir selbst hätten es sein können oder unsere Lieben, Angehörige, Freunde. Als wir vor dem Fernseher zuhause saßen, da sahen wir uns im Flugzeug und wir sahen uns in einem der Türme – und es war, als sahen wir die Katastrophe auf uns selbst zukommen und als rasten wir selbst in die Katastrophe hinein.
Was hätten wir gegeben, um dieses Unheil abzuwenden?! Wir konnten in dem Augenblick nichts geben. Das Entsetzen lähmte unser Denken, es lähmte unsere Sprache, wir fanden keine Worte für unsere Gefühle und wir konnten nicht handeln. Wir wurden ohnmächtige Zuschauer eines Geschehens tausende von Kilometern entfernt, eines Geschehens, das sich dennoch über die Fernsehbilder in unsere Herzen eingrub und in uns ist und in uns bleibt und in uns wühlt.
Was hätten wir gegeben? Wir konnten in dem Augenblick nichts geben. Wie gern hätten wir etwas getan! Wir konnten in jenem Augenblick nichts tun.
Das Geschehene ist geschehen. Das ist bitter. Aber nun sind wir beisammen, um unsere Gefühle und unsere Gedanken zu ordnen und uns zu besinnen und die Frage neu in uns zu stellen: Was hätten wir gegeben, um diese Katastrophe zu verhindern?
Es war kein Erdbeben, es war kein Vulkanausbruch, es war keine Naturkatastrophe – es war ein von Menschen geplantes und durchgeführtes Geschehen.
Wer waren und wer sind die Menschen, die dieses Grauen angerichtet haben? Was hat sie zu dieser Schreckenstat bewogen? Sie werden sich Gründe der Rechtfertigung zurechtgelegt haben.
Kann es eine Rechtfertigung für eine solche schreckliche Tat geben? Wir sagen „Nein – niemals!“ Kann es eine Rechtfertigung dafür geben, die schreckliche Tat vom Dienstag mit schrecklichen Taten anderer Art zu vergelten?
Der Apostel Paulus hat im Geiste Jesu gesagt: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Am Mittwoch sagte eine Fernsehkommentatorin: „Wir können nun das Neue Testament beiseitelegen und das Alte Testament aufschlagen, das dritte Buch Mose, und sie zitierte: „Wenn dich einer schlägt, dann schlage zurück.“ Und sie fügte hinzu: „Dabei wird es wieder unschuldige Opfer geben, aber daran wird sich unsere Solidarität mit den Amerikanern messen lassen müssen.“
Wir werden das Neue Testament nicht beiseitelegen. Das Neue Testament mahnt uns: „Lasst euch nicht vom Bösen überwinden, sondern überwindet das Böse mit Gutem.“ Dies ist eine Kernaussage des Neuen Testaments. Sie ist verkörpert in Jesus Christus selbst. Jesus Christus ist das unschuldige Opfer menschlicher Gewalt – und er hat gesagt: „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Er ist als Unschuldiger ins Grab gebracht worden. Seine Anhänger und alle, die ihn liebten, hätten auf Rache an seinen Mördern sinnen können. Aber bevor sie darüber nur haben nachdenken können, kehrte er selbst zurück, nicht als Rächer, nicht um mit den Mitteln der Gewalt Vergeltung zu üben, sondern um aller Welt die Botschaft zu verkünden: „Euch steht der Weg zur Umkehr offen. Ihr habt die Chance zur Besserung. Gott sieht die guten Kräfte in euch. Sie sind unter euren düsteren Gedanken verborgen, aber Gott hilft euch, den finsteren Schleier zu entfernen. Gott sieht die guten Kräfte in euch. Im Gestrüpp schlimmer Erfahrungen sind sie in euch gefangen. Gott will euch befreien.“
Gott schuf den Menschen und sprach: „Siehe, es ist sehr gut.“ Der Mensch erwies sich dann leider nicht immer als sehr gut. Unfassbar Böses ist immer wieder von Menschen ausgegangen. Aber in jedem Menschen sind die guten Kräfte veranlagt, in jedem Menschen auf unserem Erdball, gleich welcher Herkunft, gleich welcher Nationalität, gleich welcher Sprache, Kultur, Hautfarbe, Religion – und mag ein Mensch auch noch so viel Schuld auf sich geladen haben. In jedem Menschen sind die guten Kräfte veranlagt.
An das Gute im Menschen zu glauben und dem Menschen die Chance zu geben, das Gute in ihm zur Entfaltung zu bringen, das ist unser gottgegebener Auftrag.
Das Neue Testament beschreibt uns Jesus Christus als den Sohn Gottes. „Sie haben mein Kind umgebracht“ – das ist eine der schrecklichsten Erfahrungen, die Eltern überhaupt machen können. „Sie haben meinen Sohn umgebracht“, dies musste Gott selber feststellen als das bittere Ergebnis der Menschheitsgeschichte.
Gott hat die Ermordung seines Sohnes nicht zum Anlass genommen, die Menschen zu verdammen. Auf das Übermaß an Gewalt hat er mit einem noch größeren Maß an liebevoller Zuwendung geantwortet. Gegen die Macht des Todes hat er dem Leben zum Sieg verholfen.
Was hätten wir gegeben, um die Katastrophe vom Dienstag zu verhindern? Das Höchste und Größte und Hoffnungsvollste, was wir hätten geben können, ist das Versprechen, allen Menschen auf unserer Erde mit einem Höchstmaß an liebevoller Zuwendung zu begegnen – und den ernsthaften Versuch zu unternehmen, dieses Versprechen einzulösen.
Der Glaube an das Gute im Menschen, an das von Gott in den Menschen hingelegte Gute, die Hoffnung, dass die Saat des Guten doch immer wieder aufgehen möge und die liebevolle Zuwendung als die wärmende Sonne, die Lebenskräfte entfaltet – Glaube, Hoffnung, Liebe – sie sind Gottes Zuspruch an uns. Sie sind Gottes Auftrag an uns, sie sind, was wir von Gott durch Christus empfangen haben, und sie sind die höchsten Güter, die wir weitergeben können.
In der Gewalt militärischer Waffen liegt keine Zukunft. Gewaltsame Vergeltung aus verletztem Stolz wird den Schaden vergrößern. Strafe muss sein, aber die Strafe darf nur den Täter treffen.
Unser Erdball ist sehr klein geworden. Die Anforderungen an das Leben miteinander auf diesem Erdball werden immer höher, die ethischen Anforderung steigen mit jeder neuen technischen Möglichkeit, Leben zu zerstören. Es kann keinen technischen Schutz geben. Es kann keine gewaltsame Einschüchterung geben. Denn selbstmordbereite Täter sind durch Drohungen nicht zu beeindrucken. Die Anforderungen an den guten Willen wachsen. Wir müssen alle die Kunst erlernen, Konflikte so zu lösen, dass jeder zu seinem Recht kommt. Dabei wird jeder ein wenig zurückstecken müssen.
Die Kunst friedlicher Konfliktlösung ist eine weltweite Aufgabe. Es ist die Aufgabe eines jeden Einzelnen von uns. Es ist die Aufgabe der Nationen untereinander. In New York gab es nicht nur das World Trade Center. Es gibt auch die Vereinten Nationen. Sie sind das Ergebnis der kriegerischen Katastrophen des letzten Jahrhunderts, der organisierte Wille der Nationen, das Leben auf diesem Erdball friedlich und gerecht zu gestalten.
Bevor ein weiterer kostspieliger Krieg vom Zaume gebrochen wird, möge eine jede Nation überlegen, ob sie ihre Beiträge für die Vereinten Nationen gezahlt hat und ob sie auch sonst alles getan hat, um die Arbeitsfähigkeit dieser Weltversammlung zu stärken!
Unsere menschlichen Kräfte reichen nicht, den Frieden auf unserem Erdball zu schaffen und zu erhalten, welche Mittel auch immer wir anwenden. Wir können nur zweierlei tun:
Wir können um den Frieden beten. Wir können Gott bitten, dass er uns den Frieden schenken möge, nach dem wir uns alle sehnen. Das ist das eine.
Und das andere ist dies: Wir können das uns Mögliche tun. Wir können mit unseren begrenzten Möglichkeiten das tun, von dem wir meinen, es sei der richtige und gute Weg. Was richtig und gut ist, dafür gibt uns das Neue Testament einen Leitfaden: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
(Predigt von Pastor Wolfgang Nein in St. Markus, Hamburg-Hoheluft am 16. September 2001)