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8. Sonntag nach Trinitatis (26.7.26)


Ende der Strafe Gottes

29. Juli 2007 

8. Sonntag nach Trinitatis

Johannes 9,1-7


Die Frage der Jünger: „Wer hat gesündigt - dieser oder seine Eltern?“ - mag uns unangemessen und unbarmherzig erscheinen - angesichts der großen Not des Blinden. Der Blinde selbst kann doch wirklich nichts dafür, dass er blind ist. Er ist blind geboren. Seine Eltern? Vielleicht haben sie etwas falsch gemacht. Vielleicht hat die Mutter während der Schwangerschaft z. B. etwas gegessen oder getrunken, was sie lieber nicht hätte essen oder trinken sollen. Oder vielleicht gibt es bei dem einen oder dem anderen Elternteil eine genetische Vorgeschichte, sodass die beiden lieber auf ein Kind hätten verzichten sollen, um so das Risiko der Blindheit zu vermeiden.

Die Jünger meinen mit ihrer Frage aber gar nicht ein solches Fehlverhalten oder unvorsichtiges Verhalten, das die vorgeburtliche Schädigung ihres Kindes zur Folge gehabt haben könnte.

Sie verstehen die Blindheit vielmehr als eine Strafe Gottes für irgendein Verhalten, das dem Willen Gottes widersprochen haben könnte. Krankheit als Strafe Gottes - um dieses Verständnis - oder Missverständnis - geht es hier. 

So ganz unbekannt ist uns diese Interpretation von Krankheit nicht. Denn uns ist vielleicht schon einmal selbst der Seufzer entfahren: „Womit habe ich das verdient?“ Damit bringen wir unsere Vorstellung zum Ausdruck, es müsse bezüglich unseres Ergehens gerecht zugehen: Verhalten wir uns gut, müsste es uns gut gehen. Verhalten wir uns schlecht, wäre es nur gerecht, wenn es uns schlecht erginge. Wobei wir im zweiten Fall wohl eher meinen: Verhalten sich andere schlecht, wäre es nur gerecht, wenn es ihnen auch schlecht erginge. Verzeihen Sie, wenn ich das etwas gemein formuliere.

Wir haben jedenfalls tief in unserem Herzen ein Bedürfnis nach einer höheren Gerechtigkeit, die wir auch selbst beeinflussen können - zu unseren Gunsten - durch unser Wohlverhalten. 

Bei einem Menschen, der bereits blind geboren ist, kommt dieses Konzept natürlich etwas ins Schlingern. Von daher ist die Frage der Jünger eine echte Frage. Mit dem Verhalten des Kindes kann die Krankheit nichts zu tun haben, da es sich vor der Geburt noch nicht - schuldhaft - hat verhalten können. Wenn das Kind aber blind geboren sein sollte wegen schuldhaften Verhaltens der Eltern, wäre das ungerecht gegenüber dem Kind. Was kann das ungeborene Kind für das Verhalten der Eltern? Wie ist dieser Knoten zu lösen?

Jesus löst den Knoten, indem er das erwähnte Konzept von der Strafe Gottes nicht nur in Frage stellt - er erklärt dieses Konzept für beendet - durch seine Antwort an die Jünger, durch seine barmherzige Heilung des Blinden und letztlich auch durch seinen Kreuzestod. Allen, die daran glauben, dass Gott den Menschen straft, sagt Jesus vom Kreuz herab: „Ändert euren Glauben. Die Strafe Gottes, die bis heute Teil eures Glaubens war, nehme ich stellvertretend für euch auf mich. Nehmt diese Befreiung an. Glaubt an die Vergebung und Barmherzigkeit Gottes. Bemüht euch weiterhin, mit allen Kräften, seinen Willen zu tun. Aber wenn ihr scheitert, vertraut immer darauf, dass euch die Vergebung und Barmherzigkeit Gottes offen stehen.“ Das ist die Botschaft des Kreuzes. 

Auf die gerade von den Jüngern gestellte Frage antwortet Jesus: „Es hat weder dieser Blinde gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden.“

Wie ist im Sinne dieser Antwort das Schicksal des Blindgeborenen zu verstehen? Seine Blindheit ist keine Strafe Gottes. Die Ursachen für die Blindheit können dahingestellt bleiben. Sie sind ggf. gar nicht feststellbar. Wichtig ist: Der Blindgeborene hat ein schweres Schicksal. Seine Blindheit ist für ihn und seine Eltern eine schwere Bürde, ein großes menschliches Leid. 

Damit sollen der Blinde und seine Eltern nicht allein gelassen werden. Es gilt, ihrem Leid ein Ende zu bereiten oder es zumindest so weit wie irgend möglich zu lindern - durch barmherzige liebevolle Zuwendung, durch tätige Nächstenliebe. Diese praktiziert Jesus gleich selbst, unmittelbar nachdem er den Jüngern geantwortet hat. Er heilt den Blinden. Das ist nicht nur eine Tat Jesu. Die Jünger und alle Umherstehenden sollen diesen Akt der Barmherzigkeit als Werk Gottes verstehen. 

Die Botschaft Jesu lautet: „Zeig nicht mit dem Finger auf den Leidenden und sag über ihn nicht: ,Der hat selbst Schuld!‘ und lass ihn nicht im Stich nach dem Motto: ,Soll er selbst sehen, wie er klar kommt!‘ Sondern hilf ihm - so, wie auch du willst, dass dir geholfen werde, wenn du dich in einer Not befindest.“

An dem Blindgeborenen macht Jesus seine Botschaft exemplarisch deutlich. Jesus selbst kann nicht alle Blinden der Welt heilen. Aber wenn jeder an diesem einen Beispiel begreift, was er meint und was wirklich der Wille Gottes ist, und sich jeder seine Botschaft zu Herzen nimmt, dann können ganz viele Blinde in der Welt geheilt werden.

In der Tat ist die Botschaft Jesu nicht ungehört verhallt. Sie ist zum Anstoß für praktische Nächstenliebe geworden - in der Gestalt diakonischen Handelns, in der Gestalt christlicher Krankenhäuser z. B. und in der Gestalt von Hilfswerken, die sich speziell um Blinde in vielen Teilen der Welt kümmern, der Hildesheimer Blindenmission zum Beispiel.

Das Konzept von der Strafe Gottes war von Anfang an ein problematisches und ungerechtes. Im alttestamentlichen Buch Hiob wird das Problem hin und her gewendet. Hiob fühlte sich ungerecht behandelt. Sein Leben lang war er fromm und rechtschaffen gewesen. Dann ereilt ihn ein Unglück nach dem anderen. Er fühlt sich von Gott bestraft - aber wofür? Er geht mit Gott ins Gericht. Am Ende muss er einsehen, dass sich mit Gott nicht rechten lässt. Gott, der geheimnisvolle und allmächtige Schöpfer, bleibt souverän und in seinen Entscheidungen für den Menschen weder berechenbar noch beeinflussbar. Gott kann strafen, aber ebenso kann er Barmherzigkeit üben.

Das ist noch keine wirklich erlösende Botschaft. Jesus bereitet der Vorstellung von der Strafe Gottes ein komplettes Ende. Das Leid des Menschen bleibt zum einen geheimnisvoll, z. T. kann es erklärt werden, z. B. als von Menschen verursacht. Gott gibt sich in Jesus Christus als derjenige zu erkennen, der für den leidenden Menschen als Tröster und Helfer zur Verfügung steht und der möchte, dass auch wir in diesem Sinne miteinander umgehen: dass wir uns durch das Leid anderer zur liebevollen, barmherzigen Zuwendung herausfordern lassen. 

Das Konzept von der Strafe Gottes oder, wie es in der theologischen Wissenschaft genannt wird, vom Tun-Ergehen-Zusammenhang mag für den einen oder anderen durchaus ganz reizvoll erscheinen, zumal es die Möglichkeit bietet, selbst etwas für die Gerechtigkeit im eigenen Leben zu tun. 

Aber auch wenn der Mensch eine Menge tun kann und soll, und auch wenn die ethischen Anforderungen an den Menschen durch Jesus Christus keinesfalls abgemildert, im Gegenteil sogar noch verschärft werden, wie wir der Bergpredigt entnehmen können, bleibt doch unübersehbar und unleugbar, dass der Mensch den ethischen Anforderungen nicht gewachsen ist. Das Leben ist zu kompliziert, die Daseinsbedingungen sind zu schwierig, als dass der Mensch da in ethischer Hinsicht unbeschadet hindurchkommen könnte. Der Mensch bleibt - trotz aller Gebote, Mahnungen, Drohungen, Belohnungen und trotz aller bestgemeinten Anstrengungen letztlich auf Nachsicht und Vergebung, auf Barmherzigkeit und Liebe angewiesen. Dies alles wird ihm durch den Schöpfer zuteil. Das können wir am Wirken Jesu ablesen.

Für den Blinden und seine Eltern war die Zuwendung Jesu ein wahres Wunder. Sie wird uns auch als Wunderheilung beschrieben. Das Wunder ist aber nicht und nicht in erster Linie die wundersame Art der Heilung - Jesus streicht Brei auf die Augen des Blinden. Das Wunderbare im schönsten Sinne des Wortes ist, dass Jesus sich überhaupt des Schicksals dieses Blinden angenommen hat und er die Blindheit nicht zulasten des Blinden und seiner Eltern interpretiert. 

Wie wenig selbstverständlich das Vorgehen Jesu war, erfahren wir, wenn wir unseren Predigtabschnitt weiterlesen. Die Vertreter des überkommenen Gottesverständnisses billigen es Jesus nicht zu, sich im Namen Gottes über geltende Konzepte hinwegzusetzen. Da die Heilung am Sabbat geschah, haben sie zusätzlich einen ganz konkreten Anlass, das Vorgehen Jesu zu kritisieren. 

Für uns aber ist Jesus mit seiner Botschaft zum Licht der Welt geworden. 

(Predigt in St. Markus, Hamburg-Hoheluft am 29. Juli 2007) 

 © Wolfgang Nein