Paulus – Baumeister der Gemeinde
9. September 1984
12. Sonntag nach Trinitatis
1. Korinther 3,9-15
Es wird nicht gerade von wenigen geringschätzig und bemitleidend auf den christlichen Gottesdienst geblickt, auf die altertümliche Liturgie, auf unser heiliges Buch, die Bibel mit ihren altertümlichen Geschichten und auch auf die Lieder, die wir im Gottesdienst singen. Ich nehme an, dass wir alle Verständnis dafür aufbringen, dass viele mit all diesen traditionellen Inhalten und Formen nicht nur nichts anzufangen wissen, sondern das sogar sonderbar und absonderlich finden.
Aber es gibt auch eine ganz andere Einstellung zu diesen Dingen, und die finde ich viel sympathischer: das Staunen nämlich darüber, dass hier unter uns noch etwas lebendig ist, dessen Ursprünge Jahrhunderte, ja Jahrtausende hinter uns liegen. Ist das nicht auch erhebend, durch diese bestimmten Formen, in denen wir hier feiern, und durch die Inhalte, deren Bedeutung für unser Leben wir hier zu erkennen versuchen, mit Menschen so fern zurückliegender Zeiten verbunden zu sein? Ich finde das wunderbar – ein Wunder in der Tat, ein göttliches Geschenk. Als Werk von Menschen können wir das allein nicht ansehen. Dass uns die Sache Gottes über diese mehr als dreitausendjährige Spanne und die Sache Christi insbesondere über zweitausend Jahre hinweg auf uns gekommen ist, das dürfen wir wohl getrost mit den Worten des Neuen Testaments als Wirken des Heiligen Geistes beschreiben.
Dass wir als Gemeinde St. Markus existieren, dass wir hier und heute Gottesdienst miteinander feiern, das verdanken wir dem Wirken des Heiligen Geistes. Der gute Geist Gottes, der Geist der Liebe Christi wirkt unter uns und wird auch weiter unter uns lebendig sein.
Der Apostel Paulus war von der Kraft des Heiligen Geistes ebenso überzeugt, obwohl er nicht – wie wir – auf diese jahrtausendelange Tradition zurückblicken konnte. Paulus war allerdings auch davon überzeugt, dass das Vertrauen in die große Kraft des Heiligen Geistes einen nun nicht etwa dazu verführen dürfte, sich bequem zurückzulehnen in dem Sinne etwa: „Der liebe Gott wird seine Sache schon selbst vorantreiben.“ Im Gegenteil. Paulus wusste sich selbst gerufen, mit seinen menschlichen Kräften an dem Werk Gottes mitzuwirken.
Er hat sich diesbezüglich in einer unübertrefflichen Weise engagiert. Er ist herumgereist, ist viele Hunderte von Kilometern zu Fuß gelaufen und hat Gemeinden gegründet. Das war nicht nur ein frommes Werk, sondern auch eine organisatorische Meisterleistung.
Paulus wäre bestimmt der Letzte, der sich eigener Verdienste rühmen würde. Er wusste wohl, dass ihm seine Gaben und Fähigkeiten gottgegeben waren, aber er war sich auch dessen voll bewusst, dass er als Werkzeug Gottes, als Arbeiter in Gottes Dienst, seine Aufgabe zu erfüllen hatte. Und diese Aufgabe nahm er mit großem Geschick, großer Intelligenz, mit großem Mut und großer Geduld wahr.
Er stellte auch an seine Mitchristen diesen Anspruch, dass sie mit ihren je eigenen Gaben auf ihre Art die Aufgabe wahrnehmen sollten, die Sache Gottes voranzutreiben. Paulus sagt zwar immer wieder, dass wir vor Gott nicht gerecht werden aufgrund unserer Leistungen, sondern allein aus Gnade. Aber die Gnade Gottes ist kein Ruhekissen für bequeme Gemüter. Uns wird auch etwas abverlangt; und auch was wir getan haben, wie wir gelebt haben, wird einer letzten göttlichen Prüfung unterzogen werden. Das macht uns Paulus in dem heutigen Predigtabschnitt klar.
Paulus hatte Gemeinden gegründet. Der Aufbau von Gemeinden und die Sicherung des Fortbestands von Gemeinden waren sein Anliegen und seine Sorge. Das war zum einen eine große theologische Aufgabe, die sein kreatives Denken und seine Intuition als Glaubender aufs Äußerste herausforderte. Paulus hatte schließlich noch kein Neues Testament, das ihm geistliche Anleitung hätte geben können. Das war zum anderen aber auch eine große Aufgabe der Menschenführung, der Überzeugung und Motivierung von Menschen. Er musste nicht nur klarmachen, was das hieß: an Christus glauben. Er musste auch die zahlreichen praktischen Probleme des Gemeindeaufbaus lösen, und das waren eben vor allem menschliche Probleme, Konflikte, die vor allem aufbrachen, sobald er eine Gemeinde verlassen hatte und diese auf sich selbst gestellt war. Es tauchten dann Unsicherheiten über den rechten Glauben und den rechten Weg auf, und Leute machten sich in der Gemeinde stark mit Anschauungen, die denen des Paulus zuwiderliefen.
Auf eine solche Situation nimmt der 1. Brief des Paulus an die Korinther Bezug. Da war ein Apollos in der Gemeinde aufgetreten, der seine eigenen Anhänger um sich geschart hatte. Welche Anschauungen der genau vertrat, wird in dem Brief nicht gesagt. Jedenfalls war die Gemeinde dadurch gespalten und in ihrer Existenz bedroht. Paulus versuchte aus der Ferne, dieses Problems Herr zu werden, eben durch den Brief, dem unser Predigtabschnitt entnommen ist.
Was Paulus sagen will, bringt er mit einem Bild zum Ausdruck. Er vergleicht die Gemeinde mit einem Haus. Er stellt klar: Das Fundament dieses Hauses, welches ist allein Jesus Christus, das hat er, Paulus selbst gelegt. Andere bauen nun auf diesem Fundament und sollten nun auch darauf achten, dass sie es in richtiger Weise täten. Ein Fundament ist nun einmal gelegt, und ein Apollos kann kein anderes Fundament legen. Dessen Aufgabe kann nur sein, weiter mit auf diesem Fundament aufzubauen.
Paulus beansprucht ziemlich energisch – und man möchte fast sagen: unbescheiden, in seiner grundlegenden Rolle respektiert zu werden. Aber das ist wohl kein Mangel an Bescheidenheit, sondern eher eine reine Notwendigkeit. Denn was wusste diese Gemeinde in Griechenland, in Korinth, von Jesus Christus? Doch nur das, was Paulus ihnen dargelegt hatte.
Es gab, wie gesagt, zu der Zeit noch kein Neues Testament, es gab noch keine Evangelien, die waren erst noch im Entstehen begriffen. Was die Korinther von Christus wussten, das wussten sie von Paulus. Paulus war für sie das, was für uns heute das Neue Testament insgesamt ist. Paulus war für sie die Erkenntnisgrundlage ihres Glaubens.
Wenn wir uns fragen: „Wie kam Paulus dazu, die Bedeutung Jesu Christi so autoritativ auszulegen?“, dann müssen wir uns daran erinnern, dass er sich zu dieser Aufgabe von Christus selbst berufen wusste. Wir haben vorhin von der Vision des Paulus noch einmal gehört. Woher hätte ein Apollos sein Wissen über Christus nehmen sollen?
Also, es gab keinen anderen grundlegenden Baumeister der Gemeinde als Paulus allein. Und dies stellt Paulus unmissverständlich dar. Fundament der Gemeinde war Jesus Christus, so wie er, Paulus, ihn ausgelegt hatte. Die anderen sollten nun darauf weiterbauen und dabei darauf achten, dass ein anständiges Haus daraus würde. Jeder würde, so sagt Paulus, eines Tages dafür zur Rechenschaft gezogen werden, welchen Einsatz er für den Bau dieses Hauses geleistet hat.
Er benutzt für diese göttliche Überprüfung des Einsatzes eines jeden wiederum ein Bild: Durch das Feuer wird die Wahrheit herauskommen. Wenn das Haus brennen wird, dann wird sich herausstellen, wer mit hitzebeständigem Material gebaut hat und wer nur Stroh und Holz eingebracht hat. Mit anderen Worten: In der Zeit der Krise wird sich zeigen, wo und wer die Schwachstelle in der Gemeinde ist, wo das Ganze der Gemeinde in die Brüche geht, und wo diejenigen in der Gemeinde sind, die die Krise überstehen. Paulus will auf diese Weise jedes einzelne Gemeindeglied auf seine Verantwortung für das Ganze der Gemeinde hinweisen.
Ein Haus besteht aus vielen Bestandteilen: „Ihr seid das Bauwerk“, sagt er den Gemeindegliedern. Und welcher Art dieses Gebäude als Ganzes ist, hängt davon ab, wie die einzelnen Teile beschaffen sind und wie sie zusammenpassen.
Also, jedes Gemeindeglied solle auf sich selbst sehen und sich fragen: „Was tauge ich als Teil des Ganzen, welche Rolle spiele ich für den Bau und Erhalt der Gemeinde? Wir merken wohl, dass Paulus mit diesen Ausführungen nicht nur seine Gemeinde in Korinth anspricht, sondern genauso gut jede andere christliche Gemeinde meint, uns eingeschlossen.
Was so bemerkenswert ist an den Ausführungen des Paulus: Bei aller Gnade, die Gott uns zuteil werden lässt in Jesus Christus, sollen wir doch wissen, dass dies kein billiges Geschenk ist, mit dem schon alles erledigt wäre. Es reicht nicht, dass wir die Güte Gottes für uns persönlich in Anspruch nehmen. Vielmehr sollen wir uns dann als solche von Gott in Gnade angenommene Wesen als Teil eines größeren Ganzen bewähren, als Glieder der Gemeinde, der Kirche, als Teile des Leibes Christi. Als solche tragen wir eine Verantwortung, die über unser eigenes Seelenheil hinausgeht, die aber letztlich doch wieder unser eigenes Seelenheil berührt. Denn so, wie eine zerrissene Gemeinde zum Schaden jedes Einzelnen ist, so kann eine gute Gemeinde zum Segen jedes Einzelnen werden.
Der letzte Grund, auf dem wir stehen, ist Gott in Jesus Christus. Er hat über alle menschlichen Unzulänglichkeiten hinweg seine Kirche in den Jahrtausenden gebaut und erhalten. Wir hier sind ein zwar menschlich unvollkommenes, aber doch lebendiges Zeichen für diesen Tatbestand. Paulus hat uns auf unsere Mitverantwortung beim Bauen der Gemeinde Christi hingewiesen. Er ist uns mit dem besten Beispiel vorangegangen. Für beides, sein Beispiel und seine Ermahnung, sei ihm gedankt im Geiste Jesu Christi.
(Predigt von Pastor Wolfgang Nein in St. Markus, Hamburg-Hoheluft, am 18. August 1985)
