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11. Sonntag nach Trinitatis (16.8.26)


Selbstgerechtigkeit und aufrichtige Reue

18. August 1985

11. Sonntag nach Trinitatis

Lukas 18,9-14 


Es geht heute um das bekannte Gleichnis vom Pharisäer und dem Zöllner. Wir finden hier also wieder die Gegenüberstellung der beiden Personengruppen vor, die uns in den Evangelien so oft begegnet: die Pharisäer auf der einen, die Zöllner auf der anderen Seite. Offenbar ist diese Gegenüberstellung besonders geeignet, das Anliegen Jesu zu verdeutlichen.

Der Pharisäer und der Zöllner sind hinaufgegangen zum Tempel, um dort zu beten. Stellen wir uns diese beiden Personen einmal etwas genauer vor. Der Pharisäer – der Name ist übrigens schon vielsagend: ein „Abgesonderter“, Mitglied einer religiösen politischen Partei. In politischer Hinsicht waren die Pharisäer der römischen Besatzungsmacht und dem Herodes feindlich gesonnen. In religiöser Hinsicht legten sie, wie wir immer wieder lesen, größten Wert auf die peinlich genaue Einhaltung des Gesetzes, das nach damaliger Vorstellung religiösen Charakter trug. 

Vielleicht war unser Pharisäer, der da im Vorhof des Tempels zum Gebet erschienen ist, wie viele seiner Parteigenossen von Beruf Schriftgelehrter. Schriftgelehrter, das war der Berufsstand, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die geistlichen Vorschriften des Alten Testaments – das sind viel mehr als nur die uns besonders geläufigen Zehn Gebote – weiterzuentwickeln und auf die vielen Situationen des täglichen Lebens anzuwenden. Sie schufen Neues, wie wir modern sagen würden, kasuistisches Recht. 

Der Pharisäer jedenfalls war ein gebildeter Mann und wohl auch ein reicher Mann: denn solche Gelehrsamkeit war ohne Wohlstand nicht zu erlangen. Und die vielen Vorschriften ritueller Art, die zum Beispiel die Unterscheidung von Rein und Unrein betrafen, waren im Grunde nur von denen einzuhalten, die begütert waren.

Unser Pharisäer betrachtet sich selbstzufrieden als einen frommen und guten Menschen. Er kann auf zweimaliges Fasten in der Woche verweisen, was übrigens nicht Vorschrift war, was bei vielen allerdings zur regelmäßigen Übung geworden war. Er kann also auf eine Übererfüllung des religiösen Solls verweisen; dies gilt wohl auch für die Abführung des Zehnten.

Von einem gewissen neutralen Standpunkt aus betrachtet war der Pharisäer wohl wirklich das Musterbeispiel eines frommen und unbescholtenen Mannes. Wir dürfen ihm das abnehmen, dass er kein Ehebrecher und kein Räuber war. Er konnte wohl zu Recht sagen, dass er nicht so war wie die vielen anderen.

Nun der Zöllner. Er war von Berufs wegen darauf angewiesen, mit der römischen Besatzungsmacht zusammenzuarbeiten. Sein Kontakt mit den Heiden verunreinigte ihn. Und wenn wir an den Zöllner Zachäus denken, dürfen wir wohl davon ausgehen, dass wir uns auch unseren Zöllner als jemanden vorstellen sollen, der sich zu Unrecht bereicherte, indem er Grenzgänger über Gebühr zur Kasse zu bitten pflegte.

Diese beiden Männer stehen also dort oben im Vorhof des Tempels und beten. Der Pharisäer: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte und Ehebrecher oder wie auch dieser Zöllner.“ Und der Zöllner, der es nicht einmal wagt, die Augen gen Himmel zu erheben, schlägt sich an die Brust und betet: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“

Es ist klar, auf wessen Seite unsere Sympathie liegt. Ein Mensch mit der Haltung des Pharisäers ist uns unsympathisch. Wir mögen seine selbstgerechte Art nicht. Da gefällt uns eher die demütige Haltung des Zöllners. Das ungesetzliche Verhalten des Zöllners in der Ausübung seines Berufes werden wir allerdings nicht billigen können.

Was will uns der Evangelist Lukas sagen, indem er uns dieses Gleichnis überliefert? Er scheint seine Absicht anzudeuten in dem Satz, den er seinem Gleichnis angefügt hat: „Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“

Will uns Lukas zur Tugend der Bescheidenheit, zur Tugend der Demut erziehen? Will er aufzeigen, dass es dem Pharisäer, bei aller Perfektion, noch an einer guten Eigenschaft fehlt, dieser Bescheidenheit und Demut, die uns allen gut zu Gesicht stehen würde?

Es hat einer gesagt, Lukas betrachte den Menschen als ein zu korrigierendes Wesen, als ein sittlich noch mangelhaftes Wesen, dessen Unvollkommenheiten durch einige ethische Verbesserungen behoben werden müssten.

Wer wollte bestreiten, dass unser sittliches Verhalten in vielfacher Hinsicht fragwürdig und verbesserungswürdig ist? Ist dies das Anliegen des Lukas, dass Menschen wie der Pharisäer sich künftig etwas bescheidener und demütiger verhalten sollen und natürlich auch Menschen wie der Zöllner sich künftig weniger rechtswidrig verhalten sollen?

Wir dürfen wohl bezweifeln, dass damit das Anliegen des Lukas schon erschöpft sein sollte. Der Pharisäer und der Zöllner stehen ja hier am Tempel und beten. Es geht um ihre Stellung vor Gott, um ihr Ansehen vor Gott und damit um die für uns wichtige grundsätzliche Frage: Mit welcher inneren Haltung können wir sinnvollerweise vor Gott hintreten und ihn anreden?

Das Gleichnis macht deutlich: Es ist abwegig, vor Gott auf unsere Leistungen hinzuweisen und vor ihm unsere Vorzüge anderen Menschen gegenüber herauszustellen.

Gottes Sache, so will uns das Gleichnis sagen, sind nicht unsere hervorragenden Qualitäten. Wenn es uns um die ginge, dann wäre Gottes Hinwendung zu uns überflüssig, denn wir wären ja mit uns selbst zufrieden und könnten ihn nur noch als einen zusätzlichen Bewunderer verwenden. Und Gott will sich, so das Gleichnis, auch nicht dadurch überflüssig machen, dass er uns noch ein paar Hinweise zur ethischen Vollkommenheit gibt. 

Gottes Sache ist eine ganz andere. Hier ist der Mensch in seiner Schwachheit, in seinen Verirrungen und Verfehlungen ein Anliegen. Die schwache, schuldbeladene Kreatur Mensch ist es, die Gott auf den Plan ruft, die sein Interesse weckt. Warum? Weil die Hilfsbedürftigkeit des Menschen eine Herausforderung an den Liebeswillen Gottes ist. Diese armselige Kreatur Mensch hat seine väterlichen und mütterlichen Gefühle aufgerüttelt und hat ihn dahin gebracht, dass er uns Jesus Christus sandte, seinen Sohn.

Gott sucht uns da, wo wir schwach und hilfsbedürftig sind, nicht, weil er an unseren Schwächen seine Genugtuung hat, sondern um sich unser zu erbarmen und uns zu helfen. Darum hat es keinen Sinn, vor Gott hinzutreten, um ihm zu sagen, wie gut und vollkommen wir sind. Wir würden Gott damit sagen, dass wir ihn im Grunde nicht brauchen.

Der Zöllner braucht Gott, denn er hat ein gequältes Gewissen. Er ist sich seiner Schuld bewusst. Er wagt es nicht, zu Gott aufzuschauen, ihm quasi ins Angesicht zu blicken. Er bittet um Erleichterung, um Entlastung seines Gewissens. Er bittet um Befreiung von der drückenden Last der Schuld, nicht um dann hinterher mit Erleichterung sein ungesetzliches Treiben fortsetzen zu können. So dürfen wir diesen Zöllner nicht missverstehen. Wir müssen wohl davon ausgehen, dass er es mit seinem Bekenntnis und seiner Bitte ernst meint: „Gott sei mir Sünder gnädig!“ Dies dürfen wir ihm unterstellen, dass seine reuige Einsicht ein Schritt, der erste Schritt vielleicht, zur Besserung sein soll.

Und so soll es ja sein: Die uns von Gott angebotene Vergebung soll keine billige Gnade, keine Befreiung zur Fortsetzung unserer verkehrten Art sein. Sie soll der erste Schritt zu unserer Besserung sein. Es mag wohl so sein, dass aus uns keine guten Menschen werden. Dennoch ist uns die Richtung gewiesen. Die Einsicht in unsere Sündhaftigkeit darf nicht den Erfolg haben, dass wir uns mit unserer verkehrten Art arrangieren und es bei ihr belassen. Der Liebeswille Gottes will uns nicht beruhigen, sondern gute Kräfte in uns entfalten, die uns zu einem Leben ermutigen, wie es uns eigentlich bestimmt ist.

Christus ist die Mensch gewordene Liebe, die Vergebung Gottes. Er macht es uns erst möglich, uns für den selbstkritischen Blick zu öffnen. Erst wenn wir wissen, dass unsere Offenheit nicht zu unserem Schaden missbraucht wird, können wir zugeben, wie wir wirklich sind.

Gottes Liebe führt uns alle zusammen. Der Pharisäer trägt seinen Namen nicht umsonst. Was ihm zunächst als Schimpfname angehängt wurde und worauf er dann selbst stolz war: ein Abgesonderter zu sein, das war die logische Folge seiner Haltung. Die selbstgerechte Überheblichkeit spaltet, trennt Menschen voneinander.

Die Einsicht, dass wir alle Sünder sind, verbindet uns. Aber wir sollen uns nun nicht als Räuberbande verstehen, deren Zusammenhalt in dem gemeinsam begangenen Unrecht besteht. Vielmehr sind wir der eine Leib Christi, verbunden untereinander durch die göttliche Liebe, die jeden annimmt, der sie wahrhaftig begehrt.

(Predigt von Pastor Wolfgang Nein in St. Markus, Hamburg-Hoheluft, am 18. August 1985)

 © Wolfgang Nein